Yvonne und Lea sind pünktlich um 8 an der Marina - und kommen nirgends rein. Alles abgeschlossen! Wir ahnen davon nichts, selbst völlig mit den morgendlichen Vorbereitungen beschäftigt. Als sie schließlich 20 Minuten später an Deck stehen, erfahren wir, dass sie ganz abenteuerlich über einen der Zäune geklettert sind (Yvonne gibt echt alles für diesen Törn!). Und das mit fünfjährigem Kind. Und mit drei Taschen Gepäck: einer großen Reisetasche, Leas Handtasche und einer riesigen Kühlbox mit, wie sich rausstellt, Essen für etwa 4 Tage. Man weiß ja nie. Alle unsere Versuche, Yvonne davon zu überzeugen, einiges von ihren Massen an Gepäck hierzulassen, scheitern kläglich. Nur die Kaffeemaschine, die lässt sie schließlich da. Der Eieranpiekser, die neuen Regeln zur deutschen Rechtschreibung, Leas Vorschulheft, ein Beutel Luftballons, diverse Spielsachen, die Wassermelone und die Tupperdose vorgekochter Sauce Bolognese kommen mit.
Kaffee, Sicherheitseinweisung für beide Gäste, Anprobe der Kinderschwimmweste, Verstauen der Taschen - bis wir tatsächlich die Leinen los werfen, ist es 10 Uhr. Nicht zu ändern. Jetzt aber los! Kaya schläft in ihrer Babyschale im Cockpit, Yvonne hält Lea auf dem Schoß, Michi und ich machen das Ablegemanöver.
Kaum sind wir aus dem geschützen Hafenbereich und die ersten Wellen rollen unter uns durch, verziehen sich Lea und Yvonne, schon ein bisschen blass, nach unten und schlafen ein. Das kommt vielleicht von den Reisekaugummis... Ich bleibe oben. Als Kaya aufwacht, stecken wir sie in ihre Weste. Mit der Lifeline an meine Weste festgehakt, sitzt sie tapfer auf meinem Schoß und guckt verblüfft übers Meer. Inzwischen sind auch Lea und Yvonne wieder wach und versuchen noch einmal, bei uns im Cockpit zu sitzen. "Bauchweh", klagt Lea, und kotzt im nächsten Moment in die Pütz. Auch Yvonne ist völlig neben der Spur. Sie legen sich wieder unten in die Koje, die sie von nun an bis zum Anlegen in La Gomera nicht mehr verlassen werden, außer, um zwischendurch regelmäßig aufs Klo zu eilen und sich zu erbrechen. Auch zum Mittagessen (Brot und Kichererbsen) sind sie nicht zu überreden.
Mir geht es zunächst erstaunlich gut, aber als ich mal probiere, mich zu unseren Gästen unter Deck zu begeben, als dann Lea einem plötzlichen Übelkeitsanfall zufolge aufs Sofa spuckt, Yvonne mit Hand vorm Mund im Bad verschwindet und ich versuche, notdürftig die groben Stücke von Leas Kleidung und vom Sofabezug zu wischen, spüre auch ich bedenkliches Unwohlsein. "Michi", brülle ich. Ich merke, ich muss sofort an Deck, aber neben mir sitzt immer noch die blasse Lea in ihrem eigenen Erbrochenen und Kaya, die ich hier unten in der schwankenden Hölle auch nicht alleine lassen möchte. Die fliegt ja durch den Salon, wenn ich loslasse. "Michi", brülle ich wieder. Der steht im Cockpit, den Wind um die Ohren und hört nichts. "MICHI!" Jetzt steckt er den Kopf runter. Ich kann gerade noch Kaya an ihn übergeben bevor ich an Deck stürze und selbiges mit mir selbst draußen tue. Es ist halb drei. ETA La Gomera ca. 23 Uhr. Selbstmitleid hilft jetzt allerdings nichts. Verzweifeln auch nicht. Ich glaube, segeln ist die ideale Übungshilfe zum Training von Geduld und Ausdauer und Gelassenheit.
Kaya kommt wieder in ihre Rettungsweste und auf meinen Schoß und schläft direkt selig ein. Draußen lässt es sich aushalten. Wir verkrümeln uns auf den Cockpitboden, wo es eigentlich ganz gemütlich ist. Lea und Yvonne haben Kaugummis gekaut und schlafen auch schon wieder.
Wir schaffen das!
Unter Deck wimmern Lea und Yvonne, die sich, wenn sie sich mal dazu aufrafft zu sprechen, gar nicht darüber beruhigen kann, wie überrascht sie von sich selbst ist. "Ey, ich war noch nie seekrank. Noch nie! So also fühlt sich seekrank an." "Mir ist übel," murmelt Lea. Yvonne krallt sie sich und hastet zum Bad, wo sie von einer ungestümen Welle gegen den Klodeckel geworfen wird, der dann auch prompt abbricht. Ich höre den Krach, rufe, ob es allen gut geht, höre eine beruhigende Antwort und lehne mich wieder zurück. Das ist die Hauptsache, alles andere können wir uns später in Ruhe ansehen. Nach dieser Erfahrungen stellen wir den beiden die Pütz neben die Koje. Hätte man ja auch gleich dran denken können. Wieder was gelernt. Bei Seekrankheit Pütz in Reichweite halten.
So vergehen die Stunden.
Langsam wird es draußen kühler. Als dann sogar Gischt übers Cockpit spritzt und mir und Kaya eine Salzwasserdusche verpasst, beschließe ich, nochmal einen Versuch unter Deck zu wagen. Ich rubbel uns trocken und verziehe mich in die Vorschiffskoje. Hier sind zwar die Schiffsbewegungen ziemlich zu spüren, aber wenn man sich flachlegt, ist es ertragbar. Ich kuschel mich an Kaya und gemeinsam halten wir nun einfach mal durch. Irgendwann gegen 8 oder so schläft sie zu meiner Erleichterung ein. Für mich ist an Schlaf nicht zu denken. Aber Augen zu machen und einfach mal im Dunkeln liegen ist trotz allem Geschaukel und Gebretter ganz gut.
Gegen 10 bittet mich Michi nach oben zum Anlegemanöver. Ich klinke das Netz vor der Koje ein, so weiß ich das Kind in Sicherheit, und gehe an Deck. Lea und Yvonne schlafen. Ein Glück, die Ärmsten haben ziemlich was durchgemacht!
Die See ist plötzlich friedlich wie ein Schwimmbecken. Wie gleiten sanft Richtung Hafeneinfahrt von San Sebastian und wieder einmal spüre ich dieses berauschende Glücksgefühl, in einen Hafen einzulaufen. Nach langer, harter Fahrt. Nach Entbehrungen und Belastungen. Nach all dem schließlich an Deck zu stehen, den Wind im Haar, die kühle Abendluft so lebendig im Gesicht, geschäftig Fender anzuknoten und Festmacherleinen und stolz auf dem Vorschiff zu stehen, während das tapfere Schiffchen in den Hafen kurvt. Dann dem wartenden Marinero die Leinen zuzuwerfen, das Boot zu vertäuen, Motor aus - und Stille. Diese Stille nach einem Törn ist unbegreiflich schön. Ich atme durch.
Aber viel Zeit dafür ist nun nicht, es gilt, in den Ort zu flitzen und Pizza für alle zu holen. Michi und ich sausen los, während Yvonne, mittlerweile wach und fröhlich, bei den schlafenden Kindern bleibt. Obwohl die Pizzeria eigentlich gerade schließt (es ist 23 Uhr), macht man noch eine Ausnahme für uns und wirft uns noch was in den Ofen. Wir müssen ganz schön geschafft aussehen.
Dann sitzen wir an Deck, im Schein der kleinen Laterne aus Yvonnes Reisetasche, die voller Überraschungen steckt, knabbern Pizza und unterhalten uns bestens. Das Leben ist auf einmal wieder da. In uns allen. Um uns. Vor und hinter uns. Und ich könnte die ganze Nacht so sitzen und reden und das Leben lieben. Aber irgendwann ist ja auch mal Schlaf notwendig.
Als die Kinder, die natürlich beide nochmal wach werden, auch ihren ausgiebigen Mitternachtsimbiss verschlungen haben, alle Betten gemacht sind und so gut es geht aufgeräumt ist, fallen wir alle erschöpft in die Kojen. Was für ein Tag!