



12.11.
Was um alles in der Welt mache ich hier? Warum sitze ich nicht gemütlich mit Kaya auf der Spieledecke in unserer kuschelig geheizten Berliner Wohnung? Aber jetzt ist kein Raum zum Philosophieren oder für "Was-wäre-wenn"-Gedanken. Jetzt muss ich mich festhalten und konzentrieren, dass ich Kaya nicht beim nächsten Schlingern des Schiffes fallen lasse. Mir ist schrecklich übel, gekotzt habe ich schon, viel kann nicht mehr drin sein. Zack. Wieder eine von diesen Ungetümen, die das ganze Boot erschüttern, es auf die Seite werfen und dann in rauschender Fahrt wieder den Wellenberg hinab surfen lassen. Alles klappert und wackelt, ich hänge kreidebleich mit einer Hand am Salontisch, der andere Arm griffelt verzweifelt Kaya. Zack. Die nächste. Wann etwa kann ich es wagen, von hier aufs Sofa zu krabbeln, um das Kind zu stillen? Und wie soll ich bei diesem Geschlinger überhaupt stillen können?
Heute morgen gegen 9 in Essaouira gestartet. Bei Sonnenschein und angenehm leichten achterlichen Winden. Raumschotkurs auf Lanzarote. Es ist großartig! Francois fährt mit uns raus und wir filmen uns gegenseitig. Ich stehe in meinem neuen, rot-bunt gestreiften, flatternden Essaouira-Hemdchen an Deck, knote die Fender ab und fühle mich unglaublich lebendig. Toll!
Dann nach und nach rückt der Schwell an. Im Schutz der Hafenausfahrt war ja noch alles sehr entspannt, aber jetzt, weiter draußen, begegnen uns die Reste der Wellen, die gestern noch 6 - 7 Meter hoch waren und heute immer noch sehr beeindruckend sind. Sie mischen sich mit neuen Wellen von dem Wind von heute, der auf bis zu 25 Knoten auffrischt. Und wir schlingern und rollen und rauschen teils mit 7,5 Knoten durch das Getose, dass es eine Freude sein könnte. Wenn man nicht ein Kind zu versorgen hätte. Wenn man Achterbahnfahren mögen würde. Wenn man nicht seekrank würde. Wenn man auf "Near-Death-Experiences" stehen würde.
Aus unerfindlichen Gründen habe ich auch heute morgen völlig idiotischer Weise auf Traveleeze verzichtet. Wollte mal beweisen, dass ich ganz hart sein kann. Und natürlich muss ich mich prompt über die Reling hängen. Michi reicht mir einen Eimer, sicherheitshalber. Nicht, dass ich beim nächsten Schlingern über Bord gehe.
Außerdem die Sache mit der Flasche. Michis schamanische Heilkräuter aus Peru. Eingelegt in einem kleinen Glasfläschchen, verstaut im Regal über dem Salonsofa. Mehrfach schon hatten wir die Flasche beim Aufräumen in der Hand, ratlos, wohin damit und wofür man so was überhaupt braucht, jedes mal wieder einfach an ihren Platz zurückgestellt. Wissend, dass Glasflaschen nicht ideal für ein schaukelndes Boot sind. Und als ich Kaya bei der Hafenausfahrt auf das Salonsofa legte, haben wir noch einmal intensiv gecheckt, ob auch alles so gut verstaut ist, dass nichts durch die Gegend fliegen kann...
Ich versuche gerade, auf dem Sofa Kaya zu wickeln, dabei meinem Magen zu sagen, dass alles gut wird, mich bei jedem ruckartigen Schlingern des Schiffes festkrallend - da wirft sich Padma plötzlich krachend auf die Seite, alles gerät in Bewegung, die Flasche löst sich aus ihrer Halterung, fällt nach unten und trifft die völlig verdatterte Kaya an der Stirn. Sie schaut mich kurz mit großen Augen an und bricht dann in furchtbares Geschrei aus, Tränen in den Augen. Ich kann nicht sagen, wer von uns beiden sich mehr erschrocken hat und wer mehr weinen muss. Ich klammere sie an mich, auf einmal tausend schreckliche Bilder im Kopf von Gehirnerschütterungen, inneren Blutungen, fiesen Kopfverletzungen. Dass nichts zu sehen ist, nicht einmal die kleinste Beule, kann mich nicht beruhigen. Für den Rest des Tages bin ich ein nervliches Wrack.
Das Allerschlimmste ist, dass es kein Aussteigen, keinen Pauseknopf, kein Zurück gibt. Jetzt müssen wir hier durch. Und noch etwa 2 Tage bis Lanzarote.
Für eine Nachtwache bin ich nicht mehr zu gebrauchen. Michi stellt den Radaralarm an - hier draußen ist sowieso fast niemand - und checkt aufopfernd alleine alle halbe Stunde die Geräte. Schlafen kann ich trotzdem nicht. Alles schaukelt zu sehr und macht dabei viel zu viel Krach und unheimliche knarzende Geräusche, Schoten schlagen, die Segel flattern und blähen sich wieder mit einem Ruck, der das Boot schlagartig nach vorne zieht, die Wellen brechen sich am Bug und spritzen über das Deck. Ich will nach Hause in meine Wohnung und fernsehen!
Wenigstens schlummert Kaya selig neben mir. Die hat die stürzende Flasche wahrscheinlich schon längst vergessen. Hat sie wahrscheinlich schon 10 Sekunden später vergessen gehabt.
13.11.
Völlig gerädert werde ich gegen 6 wach und klettere im Halbdunkel nach oben ins Cockpit. Die Wellen sind schon nicht mehr ganz so brutal, einzelne Sterne sind noch zu sehen und im Osten zeigen sich bereits erste Lichtstreifen als Boten der aufgehenden Sonne. Das sind Momente zum religiös werden. Wie wahnsinnig schön es hier ist! Mir ist ganz andächtig zumute.
Der Tag ist deutlich besser als gestern. Das Wetter wird zunehmend sanfter, die Bewegungen des Schiffes sind nicht mehr so ruppig und leichter auszubalancieren, Kaya spielt ausgelassen mit ihrem Wasserball und übt energisch krabbeln auf dem breiten Salonsofa (keine Anzeichen von Gehirnerschütterung - mir fallen so viele Steine vom Herzen, dass man damit das ganze Boot versenken könnte). Und seekrank bin ich auch nicht mehr. Yeah!
Gegen Mittag wird der Wind sogar so schwach, dass wir den Motor anwerfen müssen. Als es dunkel wird, entscheiden wir, die Segel ganz einzupacken, den Motor auszuschalten und einfach mal entspannt die Nacht über auf der Stelle zu dümpeln. So können wir beide schlafen und müssen keine anstrengenden Nachtwachen im 4-Stunden-Rhythmus machen.
Schon unglaublich, das Abendpicknick mitten in den endlosen Weiten des Atlantiks einzunehmen. Ringsum nur Wasser, über uns nur Himmel, alles still und friedlich. Das Meer ist mittlerweile spiegelglatt (zumindest sieht es so aus, das Schiffchen jedoch schaukelt immer noch erstaunlich in den sanft rollenden Wellen).
Mitten in der Nacht, so um 2.30 Uhr, weckt mich Michi: "Nina, wir haben Besuch!" 'Piraten!', ist mein erster Gedanke und ich schrecke hoch. Aber nein: Als ich ins Cockpit komme, steht Michi dort und leuchtet mit einer Taschenlampe das Wasser um uns herum ab. Delfine! Mindestens 11 Stück zählen wir, die neugierig um unser treibendes Boot herum spielen. Wie süß die sind!
Und während ich fasziniert an der schwankenden Reling stehe, die sanfte Eleganz der ums Boot gleitenden Tiere in den dunklen Wellen bewundernd, Wind im Haar, über uns ein Teppich funkelnder Sterne, weiß ich plötzlich wieder sehr genau, warum ich hier bin. Weil ich das Leben spüre - so nah, so echt, so pulsierend, so voller elementarer Energie, wie es sonst selten zu spüren ist. Vor dem Fernseher einzuschlafen ist (seltsamerweise) immer wieder eine Verlockung - aber hinterlässt doch jedes mal wieder ein schales Gefühl. Als ob man um ein Stück Lebenszeit betrogen wurde.
Ich will gar nicht mehr nach Hause vor den Fernseher. Ich will genau hier und jetzt sein, mit diesem Mann und diesem wunderbaren Kind, das selig unter Deck in seiner Kinderkoje schlummert, auf diesem Boot, auf dieser Reise. Auch, wenn es manchmal ruppig und unheimlich und unbequem und nervenzerreißend ist. Vielleicht gehört genau das eben auch dazu.
Goethe sagt: "Alles gaben Götter, die unendlichen, ihren Lieblingen ganz. Alle Freuden, die unendlichen, alle Schmerzen, die unendlichen, ganz."
Vielleicht ist es so, dass Extreme immer nur im Doppelpack kommen, dass die wahnsinnige Lebensfreude, die beim Segeln aufkommen kann, an die Todesangst gekoppelt ist, die eben auch aufkommen kann.
14. und 15.11.
Der Tag beginnt ruhig, mit Delfinen und gestreiften Fischchen am Heck und spiegelglatter See. Ich wage ein kurzes Bad im Atlantik - komisches Gefühl. So mitten im Meer war ich ja noch nie! Und das Wasser ist glasklar und irre blau, ich kann meinen ganzen Körper unter mir sehen. Aber so richtig mal die Badeleiter loslassen und ums Boot schwimmen traue ich mich dann doch noch nicht. Nächstes Mal vielleicht.
Michi setzt trotz fehlendem Wind mal die Segel - so treiben wir mit einem Knoten voran anstatt mit null. Hmpf. Aber schön ist es, ruhig, gechilled. Kaya trainiert, ich lese, Michi bastelt und schrubbert am Schiff...Sunday with the family. Bei dem Tempo sieht man auch so einiges: zum Beispiel den kleinen Schildkrötenkopf steuerbord voraus, den wir sonst bestimmt übersehen hätten!
Später motoren wir dann doch ein paar Stunden, um wenigstens etwas Strecke zu machen.
Gegen frühen Abend endlich etwas Wind, wieder segeln. Bei 6-9 Knoten Wind machen wir jetzt immerhin 2-4 Knoten Fahrt. Na also! Das heißt, morgen früh sind wir wahrscheinlich in Graciosa, wenn das so weiter geht.
Im Sonnenuntergang können wir schon die Umrisse der Inseln am Horizont erkennen. Wow! Land in Sicht! Das fühlt sich ja großartig an! Ich stehe aufgeregt an der Reling mit dem Fernglas vor den Augen und komme mir vor wie der erste Mensch, der das erlebt. Nach drei Tagen Reise übers endlose Meer plötzlich Land am Horizont!
Aber noch sind es einige Stunden Fahrt, die vor uns liegen. Wir machen ungewöhnliche Nachtwachen heute. Ich nehme die Schicht von 20 Uhr bis halb 2 morgens, da ist nicht viel zu machen, außer alles im Auge zu behalten, Wind bleibt ziemlich gleich, See ist ganz ganz friedlich, Mond scheint - wenn Segeln doch immer genau so sein könnte! Dann löst mich Michi ab, denn ab 3 Uhr soll der Wind auffrischen, dann irgendwann kommt die tückische Hafeneinfahrt, das macht er besser mal.
Gegen halb 6 weckt er mich zum Anlegemanöver. Es ist stockdunkel, Regen peitscht ums Boot, der Wind bläst uns mit 20 - 30 Knoten um die Ohren. Uiuiuiui - wo kommt denn das plötzlich her? Auf dem Chartplotter ist zu erkennen, wo wir lang müssen (zwischen Lanzarote und Graciosa durch), draußen ist fast nichts zu sehen. Schwarz. Und diesig. Und Regen. Und manchmal die undeutliche Silhouette einer Klippe. Sehr unheimlich hier! Gut, dass wir gleich im Hafen sind!
Michi navigiert uns sicher durch die kleine Einfahrt, ich stehe erwartungsfroh mit der Vorleine am Deck, glücklich, gleich geschützt an einem Steg zu liegen - da ruft uns jemand vom Hafen aus zu: "You cannot stay here. Harbour is full. Not possible." Das glaube ich nicht! Die schicken uns einfach weg! Zurück in das Inferno da draußen mit seinen 30 Knoten Wind! Wo sollen wir denn hin? Während ich mit den Tränen kämpfe, steuert Michi (die Ruhe selbst) das Boot zum nächsten Ankerplatz, der gleich um die Ecke ist und zugegebenermaßen, jetzt wo es langsam hell wird, auch bildschön ist. Anker werfen, Pause, Anker noch ein paar mal korrigieren, dann brechen wir beide auf den Sofas zusammen. Nur Kaya ist putzmunter - die hat ja auch die ganze Nacht geschlafen.
Angekommen! Hallo Kanaren!