Im Reiseführer steht, El Hierro sei eines der schönsten Tauchreviere in ganz Europa. Entsprechend ist hier in La Restinga auch ganz schön was los, tauchtechnisch. Das Ortsbild ist vor allem geprägt von lustigen, forschen Menschen in halb heruntergerollten Neoprenanzügen. Lässig schlackern die Arme des Anzugs um ihre Hüften, manche tragen am Oberkörper professionelle Taucherhemdchen, die Frauen meist schmucke Bikinis, viele Männer demonstrieren ihre tauchgestählten Körper pur. So oder so sehen sie alle extrem lässig aus. Unglaublich, was so ein schnittiger Neoprenanzug aus den Menschen herausholen kann! Sie lungern in den Cafés und vor den Tauchschulen rum, klettern in lustige Motorbötchen, wuchten Sauerstoffflaschen und Taucherflossen durch die Gegend, watscheln am Strand entlang...Sie sind einfach überall. Schlimmer als Kakerlaken!
Dem Herdentrieb kann man sich kaum entgegenstellen.
Also tauchen wir auch.
Da ich das noch nie gemacht habe, bietet die Tauchschule mir einen "baptism dive" an, eine Tauchtaufe. Etwa eine Stunde solle ich mit einem Tauchlehrer gemeinsam im Hafen ausprobieren, ob ich mit Maske und Sauerstoff und Wassertiefe klarkomme. Wenn ich dann weiter machen wolle, könne ich einen richtigen Kurs machen.
Ok. Mach ich. Oder?
Ein bisschen aufgeregt bin ich ja schon. Die Vorstellung, abhängig von so einem Luftzufuhrgerät in unendlicher Tiefe rumzudümpeln scheint mir nicht nur beängstigend, es klingt auch ungemütlich. Warum sollte man sowas tun? Oben ist es doch auch schön. Und hier hängen überall in den Tauchschulen und Cafés riesige Bilder von Fischen und anderem Meeresgetier - die kann ich mir also auch so angucken, muss ich gar nicht selber runter. Oder man kauft sich mal einen schönen Bildband... Ok, ok. Wahrscheinlich ist es doch was anderes, selber zwischen den Fischen herumzuschweben. Auf einen Berg hochzukraxeln und sich von der Aussicht umhauen zu lassen, ist ja auch was anderes, als sich ein Poster anzugucken. Also mache ich einen Termin, bereit, an meine Grenzen zu gehen und zu gucken, was passiert. Morgen, Donnerstag, 9.30 Uhr. Ob mir das passen würde? Ich weiß, dass das hart sein wird für Michi, der dann ja ab 9.30 Uhr die Kinderbetreuung übernehmen muss, aber der kann ja auch mal an seine Grenzen gehen. Passt. Machen wir!
Pünktlich um 9.30 Uhr stehen wir im Büro der Tauchschule. Ich lerne Carlos kennen, der heute mit mir tauchen wird. Da er allerdings nur spanisch spricht, setzt sich ein junger Amerikaner zu uns und übersetzt. Viel gibt es nicht zu erklären. Zwei oder drei Handzeichen werden vereinbart (wie sage ich "alles gut", wie sage ich "so lala" und wie sage ich "scheiße, ich will hier raus, nix gut, alles furchtbar"), mir wird erläutert, wie ich den Druck ausgleiche, wenn wir tiefer gehen, und wie ich Wasser aus der Maske bekomme, sollte sich welches darin ansammeln. Vor allem wird immer wieder betont, es finde alles im Kopf statt, wichtig sei, sich zu entspannen, tief einzuatmen und die Fischchen zu genießen. Alles klar. Dann mal los!
Jetzt darf auch ich mich endlich in einen schnittigen Neoprenanzug quetschen. Ich bekomme eine Weste mit Sauerstoffflasche auf dem Rücken zugeteilt (die ich aber erst später im Wasser anziehen werde, ist ganz schön schwer sowas), Flossen, eine Tauchermaske, Tauchschuhe. Komme mir irre professionell vor. Als hätte ich mein Leben lang nichts anderes gemacht. Nur schade, dass ich mein Equipment nicht durchchecken darf, so wie Carlos es nun mit geübtem Blick tut. Wenn man ein Kurs macht, lernt man auch das.
Wir klettern in den Kleinbus mit dem lustigen Logo der Tauchschule und fahren zum Hafenstrand runter. Hier schleppen meine beiden Mentoren (der Amerikaner ist in voller Montur dabei) alle Ausrüstung ans Ufer, ich darf noch einmal Kaya knuddeln und Michi küssen, aber dann gibt es keine Ausreden mehr. Dann muss ich ins Wasser. "Relax. It's all in the mind," hatte der Amerikaner gesagt. Schon klar. In meinem Kopf aber spuken jetzt alle möglichen Bilder von platzenden Trommelfellen und verlorenen Mundstücken, von explodierenden Sauerstoffflaschen und überraschend auftauchenden Haien im Hafenbecken. Relax. Relax. Atmen.
Wir waten ins Wasser, ich darf Weste und Flossen anlegen und die Maske überziehen. Wir sehen wahrscheinlich sehr sexy aus!
Zum Testen dümpeln wir ein Stück an der Wasseroberfläche entlang. Komisches Gefühl, mit Sauerstoff-Mundstück zu atmen. Ich höre, wie ich Luft einsauge, und sehe die blubbernden Blasen vom Ausatmen um mich rum aufsteigen. Witzig. So kenne ich es nur aus Filmen. Dann geht es tiefer. Immer wieder muss ich den Druck auf den Ohren ausgleichen, indem ich mir die Nase zudrücke und gegen atme. Carlos hält mich an der Hand, zeigt mir originelle Fische und fragt immer wieder mit dem vereinbarten Zeichen, ob alles gut sei bei mir. Grandios! Ich bin begeistert! Wie in Zeitlupe schweben wir schwerelos in dieser völlig fremden, völlig anderen Welt herum. Es ist ein Tanz, miteinander und mit dieser Welt aus schwankenden, wabernden Pflanzen und unterschiedlichsten Unterwassertieren. Einmal geraten wir in einen ganzen Schwarm kleiner Fische, blass mit blauen, spitz auslaufenden, V-förmigen Schwanzflossen. Wahnsinn! Unter Wasser ist alles so friedlich, so still, so sanft. Jedenfalls hier im Hafenbecken - kein Hai weit und breit. Dafür ein Manta. Flach wie eine Flunder. Liegt einfach so am Meeresboden. Er macht ein paar mal flapp flapp, wie ein Crepe, der in Zeitlupe in der Pfanne gewendet wird, und windet sich dann außer Sicht. Toll! Ich bin ganz verliebt in diese Welt, diesen Tanz, diese Zeit- und Schwerelosigkeit. Und irgendwie auch ein bisschen in Carlos, an dessen Hand ich durch dieses Wunder geführt werde. Es ist eine ganz besondere Form der Intimität, so Hand in Hand durchs Wasser zu gleiten. Vielleicht bin ich nicht wirklich in Carlos verliebt, aber in diese Intimität.
Was für ein Erlebnis!
Als wir langsam wieder gen Ufer gleiten, ich mit den Knien auf dem Meeresboden zum Halten komme und den Kopf aus dem Wasser stecke, komme ich mir plötzlich unendlich schwer vor. Die Weste mit der Sauerstoffflasche scheint mich wieder zurück ziehen zu wollen. Ich muss ein bisschen kämpfen, um den Kopf über Wasser halten zu können. Carlos hilft mir, mich von aller Ausrüstung zu befreien, und trägt alles zur Straße, während ich mich am Ufer erholen darf. Mir ist auch tatsächlich ein bisschen schwummerig. Michi und Kaya stehen schon bereit, um mich in Empfang zu nehmen. Triefnass und mit leichtem Schwindel im Hirn drücke ich mein Kind an mich und bin sowas von glücklich, dass ich am liebsten platzen würde. Ich falle Carlos in den Arm. So viel Liebe in mir - davon darf er gerne was abhaben! Hat er großartig gemacht!