
Kaya krabbelt im Sand, im Hintergrund sieht man links wie hingepinselt das Örtchen San Sebastian und rechts die Segelmasten der in der Marina vor sich hin dümpelnden Bötchen - eines davon ist unser Zuhause. Was für eine Idylle!
Und trotzdem, manchmal frage ich mich: Und jetzt? Was machen wir hier eigentlich mit unserem Leben? Dauerurlaub? Ok, wir begeben uns auf Abenteuer und arbeiten damit intensiv an unseren Persönlichkeiten. Eine Art Pilgrimage. Kann ja nicht schaden. Sollte jeder machen. Sollte eigentlich Pflicht in der Schule werden. Ein Jahr pilgern. Statt Schulsport. Zum Beispiel.
Ernsthaft, das Leben auf dem Boot sieht auf den Bildern wahrscheinlich meist wie Dauerurlaub aus, ist manchmal auch ein bisschen so, aber was den ganz normalen Alltag angeht, ist es eine ziemliche Herausforderung. Weil alles eng ist, weil alles ineinander gepuzzelt ist, so dass wir dauernd mit allen Dingen quasi jonglieren, und weil man oft A nicht machen kann, ohne vorher B zu machen, und B nicht geht, wenn nicht erst C und D gemacht werden. Ein Beispiel: Ich will morgens für Kaya Haferflocken kochen. In einer normalen Küche hieße das: Haferflocken aus dem Schrank holen, in den Topf, Wasser rein, Platte an. Hier aber kann das so aussehen: Der Topf (es gibt nur einen kleinen) ist noch schmutzig von gestern, muss also gespült werden. Aus dem Waserhahn in der Küchenspüle sprutzelt allerdings mehr Luft als Wasser - die Tanks sind leer! Also raus aus dem Boot, an den Steg, Wasserschlauch aus der Backskiste holen, anschließen, Wassertankdeckel aufschrauben. Zum Aufschrauben brauche ich eine Winschkurbel, die irgendwo in der Werkzeugkammer ist. Rein ins Boot, Winschkurbel suchen. Deckel auf, Wasser an, abwarten, bis Tank voll, dann Wasser aus, damit Tank nicht platzt. Topf spülen. Die Haferflocken sind im kleinen Schrank, vor dem sich das schmutzige Geschirr stapelt. Schranktür geht nicht auf. Na gut, bin eh gerade dabei, also erstmal Geschirr spülen. Schranktür auf, Flocken raus und in den Topf. Nun muss Wasser zu den Flocken, aber nicht aus dem Hahn, ist doch fürs Baby, sondern richtiges Trinkwasser aus der Flasche. Wir kaufen Wasser immer in großen Kanistern und füllen es dann in 1,5-Liter-Flaschen ab. Die sind mal wieder alle leer. Kanister sind in der Kiste unterm Bett. Da schläft Michi noch. Michi wecken, Kanister raus, Wasser mit Trichter in Flasche abfüllen, dann aus Flasche zu den Flocken. Uff! Und dabei das Baby nicht aus dem Blick verlieren, das von Tag zu Tag mehr kann und immer neugieriger seine Umgebung erkundet. So kann jede Alltagshandlung zur Aktion werden, jede kleine Aufgabe zu einer Serie von Aufgaben. Anfangs fand ich das ziemlich schrecklich und nervig, mittlerweile sehe ich es als Training: Geduld, Ruhe, Gelassenheit - was man da alles trainieren kann! Hinzu kommen die Aspekte der Beziehungsgestaltung auf engstem Raum, die Geworfenheit auf sich selbst, die ständige Herausforderung, immer wieder neue Freundschaften zu schließen, sich auf neue Menschen einzustimmen und liebgewonnene Freunde wieder zu verabschieden... Also: Auf dem Boot zu leben halte ich neben allen tollen Aspekten des Urlaubmachens auch für meine eigene Persönlichkeitsentwicklung für sehr förderlich!
Aber etwas nagt in mir und ist unzufrieden und drängelt darauf, endlich mal wieder was Sinnvolles zur Gesellschaft beizutragen. Was für andere oder mit anderen zu tun. Ok, ok, - Kaya großziehen ist im weiteren Sinne auch ein Dienst an der Gesellschaft. Aber darüber hinaus möchte ich gerne meine Energie und Arbeitskraft in irgendein Projekt stecken, das weniger selbstbezüglich ist.
Ich wage es kaum zu sagen, kaum zu denken, während andere im Korrekturstress stecken und mich um Strand und Sonne beneiden, aber manchmal vermisse ich die Schule.