Sich ernst nehmen. Das ist das Einzige, was zählt.
Ich sehe andere Familien, die zur großen Überquerung starten, und bewundere sie. Aber es sind andere Familien. Ich höre von Seglern, die schon den Atlantik bezwungen haben, dass es ganz easy sei, ein Spaziergang, gar kein Problem, auch nicht mit Kind. Aber es sind andere Segler.
Ich bin ich.
Und es bringt mich nicht weiter, anderen nachzueifern, wenn es meinen innersten Bedürfnissen nicht entspricht. Abgesehen davon, dass mir das "Bild" der toughen Weltumseglerin gefällt und ich nun ein bisschen zerknirscht bin, dass es ein Entwurf ist, der mich nicht ganz korrekt abbildet, bin ich doch insgesamt nun ruhiger und zufriedener, weil es mir gelungen ist, auf mich zu hören und mich nicht von den Kommentaren oder Entwürfen anderer verunsichern zu lassen.
Ich will nach Hause. Ich will nicht mehrere Wochen auf See sein. Nicht mit Kind.
So einfach.
Deswegen fliegen Kaya und ich am 7.12. nach Deutschland, um die Weihnachtszeit mit Familie und Freunden zu verbringen. Und es fühlt sich gut und warm und richtig an.
Und da Michi Michi ist und seine eigenen Bedürfnisse hat, segelt er alleine weiter. So kann er in Ruhe noch nach Senegal und Gambia, wo ich nie hin wollte aus Angst vor Malaria. So kann er alleine über den Atlantik nach Brasilien, was für ihn auch eine besondere Herausforderung ist, der er sich gerne stellen möchte.
Und wenn das Boot in Brasilien ist, können Kaya und ich wieder einsteigen. Guter Plan! Gut, weil jeder für sich sorgt und eigene Grenzen und Bedürfnisse respektiert und weil wir die Grenzen und Bedürfnisse des anderen respektieren können, ohne uns Vorwürfe zu machen. Das gefällt mir. Und auch wenn wir jetzt Weihnachten wohl nicht zusammen feiern werden und eine Weile getrennte Wege gehen, so bin ich doch ganz glücklich über uns und diese Art der Partnerschaft.
Bleibt nur noch offen, ob Michi unser Blog regelmäßig pflegen wird...
Michi, Nina, Kaya und Mona segeln auf Padma um die Welt (oder soweit sie kommen...)! Und was sie dabei so alles erleben, findet ihr hier auf Radio Schnups.
22.11.2011
Entscheidungen
So. Nun ist es entschieden. Nach einigen Tagen voller Unentschlossenheit, Hin- und Herwälzen von Optionen, Kampf mit dem schlechten Gewissen, ein Feigling zu sein, und gleichzeitig Kampf mit dem Versuch, das in mir aufsteigende Bedürfnis nach Freunden, Familie, Heimat, Abenteuerpause zu unterdrücken, um mich doch auf die Überquerung einlassen zu können, habe ich gemerkt: So kommen wir auch nicht weiter. Und vor allem kommen wir so nicht gemeinsam nach Brasilien.
15.11.2011
Letzter Tag in Tarrafal
Wir verbringen den Vormittag größtenteils bei Susi und Frank auf der Terrasse. Michi verschwindet zwischendurch mal mit Jorge in die Plantage, um sich kiloweise Bananen, Cassavawurzeln und Papaya ernten zu lassen. (Wow! Das reicht für eine Fahrt nach Brasilien!) Ansonsten lungern wir rum. Wobei "rumlungern" für mich nicht so richtig zutrifft. Ich bin ja die Kinderbetreuung. Und Kaya rennt unermüdlich durch die Gegend und verlangt volle Aufmerksamkeit (Macht sie auch nicht gerade was kaputt? Ist sie die Treppe hochgeklettert? Woher hat sie die Gießkanne? Waren die Scherben da schon vorher? usw.). Ich merke plötzlich, wie alles hier an meinen Kräften nagt: Die Aufsicht über meine Tochter an immer neuen, fremden Orten, das Leben an Bord, die unruhigen Nächte (in der Ankerbucht kann es auch schon mal schaukelig werden), der permanente Arbeitseinsatz, den man braucht, um überhaupt die Aufgaben des Alltags zu bewältigen. "Wir segeln um die Welt" mag mit Bildern assoziiert sein wie etwa sanft in der Hängematte schaukeln, an Deck in der Sonne dösen, Delphine gucken, Sundowner am Strand schlürfen etc. All das kommt, zugegeben, auch mal zwischendurch vor. Aber die meiste Zeit sind wir im vollen Einsatz. Vor allem, weil wir mit Kind unterwegs sind. An Tagen wie heute, wo es eigentlich nicht viel zu tun gibt und Gelegenheit zum Verschnaufen wäre, komme ich nicht mal dazu, eine einzige Seite zu lesen, weil ich dem Kind pausenlos hinterherflitze. Diese Reise ist großartig, unterm Strich, und ich bereue nicht, dabei zu sein. Aber was mir manchmal fehlt, sind Momente, in denen ich meine Batterien wieder aufladen kann. Ich werde dünnhäutig und gereizt, wenn ich das nicht kann.
Als wir zurück an Bord sind (heute deutlich vor Sonnenuntergang), macht Michi uns ein kleines Wellness-Paradies im Cockpit. Das ist doch schon mal ein guter Anfang!

Aber zerknirscht bin ich immer noch. Vielleicht auch ein bisschen, weil ich der Kamera noch nachtrauere, vielleicht aber auch, weil mich die bevorstehende Überfahrt nervös macht.

Was kann man da tun? Ich spüre zunehmend, dass mir die Kraft, rein physisch, aber auch mental, fehlt, um mich auf das Abenteuer der Atlantiküberquerung (mit Kind) einzulassen. Aus der geschützten Marina von Mindelo heraus, ließ sich ganz schön davon träumen, zumal so viele da waren, die die Tour schon irgendwann mal gemacht hatten und die ganz entspannt davon erzählten. Aber hier vor Anker, wo ich mal wieder mit der Realität des begrenzten Raumes konfrontiert bin, wo ich manchmal nicht weiß, wohin mit mir oder wohin mit einer quengeligen Kaya, wo mein Körper wieder den pausenlosen Bewegungen des Schiffes ausgeliefert ist, sieht alles doch wieder ein bisschen anders aus. Was nun? Der Plan war Brasilien. Einen Plan B gibt es nicht. Soll ich es jetzt trotzdem einfach wagen und hoffen, dass es irgendwie gut geht? Oder soll ich auf mein jetziges Empfinden hören, mich ernst nehmen, die Überquerung sein lassen? Aber was dann?
Als wir zurück an Bord sind (heute deutlich vor Sonnenuntergang), macht Michi uns ein kleines Wellness-Paradies im Cockpit. Das ist doch schon mal ein guter Anfang!

Aber zerknirscht bin ich immer noch. Vielleicht auch ein bisschen, weil ich der Kamera noch nachtrauere, vielleicht aber auch, weil mich die bevorstehende Überfahrt nervös macht.

Was kann man da tun? Ich spüre zunehmend, dass mir die Kraft, rein physisch, aber auch mental, fehlt, um mich auf das Abenteuer der Atlantiküberquerung (mit Kind) einzulassen. Aus der geschützten Marina von Mindelo heraus, ließ sich ganz schön davon träumen, zumal so viele da waren, die die Tour schon irgendwann mal gemacht hatten und die ganz entspannt davon erzählten. Aber hier vor Anker, wo ich mal wieder mit der Realität des begrenzten Raumes konfrontiert bin, wo ich manchmal nicht weiß, wohin mit mir oder wohin mit einer quengeligen Kaya, wo mein Körper wieder den pausenlosen Bewegungen des Schiffes ausgeliefert ist, sieht alles doch wieder ein bisschen anders aus. Was nun? Der Plan war Brasilien. Einen Plan B gibt es nicht. Soll ich es jetzt trotzdem einfach wagen und hoffen, dass es irgendwie gut geht? Oder soll ich auf mein jetziges Empfinden hören, mich ernst nehmen, die Überquerung sein lassen? Aber was dann?
14.11.2011
Nachbarn!

Das sind sie. Unsere neuen Nachbarn in der Ankerbucht. An Bord leben eine holländische Familie mit zwei Kindern und ein französischer Hitchhiker. Einsame Ankerplätze mögen ja ganz lauschig sein - aber ich perönlich finde es viel schöner, wenn nette Nachbarn da sind. Viel lebendiger!

Außerdem freut sich Kaya immer über Spielkameraden. Auch über nackte.

Während Mare von ihrem Papa schon wieder eingefangen wurde, rennt Kaya noch Richtung Fußballfeld. Ganz schön was los hier im Dorf!

Ester, Brian, Merlyn, Mare - das war ein schöner Tag mit euch! Jetzt aber ab nach Hause. Noch einmal fahren wir hier nicht im Dunklen los. Sie kommen alle noch kurz mit an Bord zu uns, die Kinder toben auf dem Sofa, Kaya zeigt Merlyn stolz jedes Bilderbuch, Mare spielt, die Männer fachsimplen über Segelboote und Ester und ich haben auch mal Zeit, uns ein bisschen zu unterhalten. Ist das schön! So viel Leben in unserem kleinen Salon!
PS.: Gut, dass Michi auch eine Kamera hat, sonst gäbe es ja ab jetzt gar keine Photos mehr im Blog...
13.11.2011
Ein Tag in Tarrafal

Uff! Mal wieder sicher gelandet.

Neue Freunde!

Mit Jorge bei seiner Plantage.

Bei Jorge zuhause. Kaya und sein Enkelsohn wollen sich partout nicht miteinander ablichten lassen.

Ha! Geht doch!

Jetzt aber wieder schnell weg!

Verschlafene Idylle im Fischerörtchen.

Strandleben.

Himmel über Tarrafal.
Für das letzte Bild müssen wir teuer bezahlen. Wir haben entschieden, den Abend an Land ausklingen zu lassen und zurück zu rudern, wenn der Mond hinterm Berg hervorkommt und genügend Licht spendet. So können wir nicht nur Padma im Abendlicht photographieren, sondern auch bei Frank und Susi, einem deutsch-amerikanischen Seglerpärchen, das hier ein traumhaft schönes Hostel gebaut hat, auf der Terrasse am gemeinsamen Abendessen teilnehmen. Das Essen ist auch tatsächlich hervorragend, der Abend wunderschön. Nur der Mond lässt sich Zeit. Allmählich gehen die anderen Gäste nach und nach ins Bett, bis wir alleine auf der Terrasse sitzen. Um halb 11 gehen auch die Lampen aus (hier gibt es eben nicht immer Strom), so dass wir im Stockdunkeln sitzen. Kein Mond. Der hätte doch schon längst hier sein müssen! Aber er hat leider einen ziemlich hohen Berg im Weg, da muss er erst mal drüber. Wir sind erschöpft von der Warterei, Kaya schläft auf der Bank. Als der Mond endlich mit verheißungsvollem Schimmer am Bergrand auftaucht, müssen wir niedergeschlagen erkennen: So viel Licht macht er auch nicht. Ziemlich wolkig heute. Aber wir müssen ja nach Hause, hilft ja alles nichts. Wir tapsen durch die schemenhafte Nachtlandschaft zum Schlauchboot, begleitet von Ildo, einem Einheimischen, der uns jedes Mal gegen Trinkgeld beim Landen und Abfahren hilft und auch heute treuherzig gewartet hat. Das Meer liegt tiefschwarz vor uns. So ist fast nichts zu erkennen. Wir hören die Brecher, aber wir sehen sie nicht rechtzeitig anrollen. Ich vertraue auf Ildo, schließlich lebt er hier und kennt das Meer besser. Die schlafende, schwimmbewestete Kaya im Arm wate ich durch die Brandung, springe auf Ildos Kommando ins Boot, Michi ebenfalls, Ildo schiebt uns mit Schwung ins Wasser - und genau in einen Brecher. Ich sehe die Welle, jetzt, aber es ist zu spät, irgendetwas zu ändern. Mit voller Gewalt bricht sie sich über uns, macht uns von oben bis unten nass, flutet das Dinghy, weckt Kaya, die prompt anfängt zu wimmern. Verstehe ich! Michi rudert, was das Zeug hält, da kommt auch schon der nächste Schwall über uns. Dann sind wir raus aus der Gefahrenzone. Im Dinghy steht das Wasser knöcheltief, wir sind alle triefnass, aber wenigstens sind wir nicht gekentert. Das einzige, was mir jetzt Sorgen macht, ist die Kamera. Die ist zwar im Rucksack und der ist in einer Plastiktüte verpackt, aber dass die Tüte einem solchen Schwall standhalten kann, bezweifel ich.
Am Boot angekommen, macht Michi Schadensprotokoll und -begrenzung, während ich Kaya zu beruhigen versuche, die nicht mehr einschlafen möchte nach dem Schreck. Rucksack: klatschnass. In der Plastiktüte selbst stand das Wasser zentimeterhoch und hat alles kräftig eingeweicht. Klamotten darin: klatschnass. Müssen mit Süßwasser ausgewaschen werden, sonst trocknen die nicht mehr richtig. Geldbeutel: aufgeweicht (zum Glück mit wenig drin, nur Münzen und ein paar Zettelchen). Kamera: wie durch ein Wunder nur leicht feucht. Michi reinigt und trocknet sie liebevoll. Vielleicht ist ja doch noch mal alles gut ausgegangen.
Am nächsten Tag testen wir sie hoffnungsvoll. Keine Reaktion. Tot. Schnüff!!!! Michi schraubt sie auf, stellt fest, dass alles funktionstüchtig aussieht, Strom da ist, Batterien funktionieren, aber dass der Einschaltknopf einfach nichts mehr bewirkt. Nichts zu machen. Das Abenteuer fordert Opfer. Rest in peace, little Lumix! Ich werde ein paar Tage brauchen, um den Verlust zu verarbeiten. Aber immerhin ist es nur Materie. Ersetzbar. Außerdem habe ich was gelernt über angemessene Vorsichtsmaßnahmen bei gewagten Dinghy-Manövern.
12.11.2011
Wir fahren nach Tarrafal
Endlich! Mit einem Tag Verzögerung werfen wir heute dann tatsächlich die Leinen los! Auf geht's Richtung Santo Antao, zu dem kleinen Fischerort Tarrafal. Wie verabredet, ist Jorge heute wieder mit gepackten Taschen zum Steg gekommen und fährt nun mit.
Kaya schläft entspannt, während wir den Hafen verlassen.

Vor uns liegt Santo Antao,...

...im Kielwasser verschwindet Mindelo.

Da Jorge und Michi alles voll im Griff haben (und Kaya immer noch großartig schlummert), kann ich in Ruhe Photos machen. Zum Beispiel von den Fischern neben uns.

Die Fahrt verläuft ruhig. Das Meer ist glatt wie ein Bettlaken, kein Wind, wir tuckern mit Motor und ungefähr 5-6 Knoten Tempo zwischen den Inseln hindurch. Obwohl das Motorengeräusch ein bisschen lästig ist, ist es doch auch mal ganz schön, so zu fahren. Wie auf der Havel. Ohne die anstrengende Rollbewegung, die sonst bei Wind und Welle entsteht. Wir können sogar im Cockpit den Mittagstisch decken und in Ruhe essen, ohne unsere Teller auf dem Schoß festkrallen zu müssen. Das nenne ich Luxus! Tarrafal sieht schon von Weitem einladend aus. Eine kleine grüne Oase in der sonst kargen und rauhen Landschaft. Wir werfen den Anker nicht allzuweit vom Strand und machen das Dinghy startklar. Auf Jorges Anraten lassen wir den Außenbordmotor weg und nehmen die Paddel - eine gute Entscheidung, wie wir bald begreifen werden. Michi rudert zuerst Jorge samt Gepäck an Land, während Kaya und ich an Bord warten und das Ganze aus sicherer Entfernung beobachten. Eigentlich sieht es ganz idyllisch aus,...


...zumindest bis man auf wenige Meter ans Ufer herangerudert ist. Dann beginnen die Schwierigkeiten. Obwohl kaum Schwell in der Bucht ist, und Padma ganz sanft in leichten Wellen schaukelt, rauscht auf den Strand eine erstaunlich heftige Brandung. Die Wellen bauen sich erst kurz vorm Ufer richtig auf, brechen sich kraftvoll, spülen geräuschvoll über die Steine am Strand und ziehen sich prompt wieder mit massivem Sog zurück. Der Trick ist, abzuwarten, bis eine Lücke in den Wellen ist. Manche sind größer, manche kleiner. Es gilt, eine schwächere Welle abzuwarten, sie richtig zu erwischen, so dass sie das Boot an Land hebt, dann flink rauszuspringen und das Dinghy (am besten mit Hilfe, da schwer und sperrig) so schnell wie möglich ein paar Meter den Strand hochzutragen, bevor es von der nächsten Welle ins Meer zurückgesaugt wird. Das verlangt ein bisschen Übung! Wenn man die falsche Welle nimmt, kann einen die brechende Gischt nicht nur klatschnass machen, sondern im schlimmsten Fall auch das Boot quer werfen, woraufhin es von der nächsten zum Kentern gebracht werden könnte. Und wenn man es nicht schnell genug hochschleppt, hat man den nächsten Brecher im Rücken. Oh weia! Und das mit Kind im Arm! Aber wir wollten ja Abenteuer. Zum Glück stehen am Ufer bereits ein paar Einheimische, die Michi Zeichen geben und ihm beim Tragen helfen, so dass er heil und größtenteils trocken mit Jorge an Land kommt. Nun muss er aber auch wieder zurück, um mich zu holen. An Land kommen ist das eine. Das andere ist, wieder ins Wasser zu kommen. Auch hier ist größte Aufmerksamkeit gefragt. Auch hier könnte es sehr ungemütlich werden, zum falschen Zeitpunkt das Boot abzustoßen und direkt in einen der Brecher zu rauschen. Das glückt diesmal nicht ganz lehrbuchreif: Ich sehe, wie das Schlauchbötchen von allen gemeinsam zu Wasser gelassen wird, wie Michi mutig reinspringt, wie gerade dann eine Welle anrollt und das Boot senkrecht stellt. Für einen Moment ist es aus meinem Blick verschwunden, hinter der Wellenfront, dann taucht es wieder triumphierend auf, mit einem heftig rudernden Michi mittendrin. Geschafft! Schließlich sind diese Dinger ja auch dafür gebaut, über Wellen fahren zu können... Jetzt wir. Kaya steckt in ihrer Rettungsweste und weiß anscheinend nicht so richtig, wie ihr geschieht und was das alles hier soll. Ich setze mich mit ihr auf die Seite, um im richtigen Moment rausspringen und den Strand hochrennen zu können. Wieder stehen Helfer am Strand. Jorge und Freunde. Sie geben Handzeichen, als wir kurz vorm Ufer sind. Warten, warten, warten (Welle auf Welle spült unter uns durch) - jetzt!!! Eifrig winkende Hände signalisieren, jetzt schnell aufs Ufer zu rudern. Michi gibt alles. Wir berühren Sand, eine Frau streckt ihre Arme aus, in die ich dankbar Kaya gebe, wir springen aus dem Boot und rennen das Ufer hoch, Jorge und Michi mit Dinghy im festen Griff. Hinter uns rauscht die nächste Welle heran wie ein Raubtier, das wütend ist, in letzter Sekunde seine Beute verpasst zu haben. Mir zittern die Knie, mein Herz pocht. Aber wir haben es geschafft! Wir sind da! Hallo Tarrafal!
Die junge Frau, die Kaya entgegengenommen hat, wird uns als Jorges Tochter vorgestellt. Sie scheint sehr zufrieden, das Kind tragen zu dürfen, und marschiert fröhlich mit ihr Richtung Dorf. Kinderbetreuung ist hier wirklich sehr entspannt. Wir tapsen hinterher, ich noch ein bisschen benommen und mit Adrenalin bis zum Anschlag vollgepumpt. Wie im Rausch erlebe ich die ersten Eindrücke von Tarrafal: freilaufende Hühner, bunte Fischerboote, schattige Bäume, schwarzer Sand, gemischt mit rundgeschliffenen Steinen, die mit den Wellenbewegungen gegeneinander klackern, herumflitzende Kinder, die mit Plastikflaschen und selbstgebauten Schiffchen spielen und neugierig nach uns gucken, Wäsche im warmen Wind, Frauen, die vor den niedrigen Steinhäuschen sitzen, Männer, die Netze reparieren oder in der Sonne dösen. Licht und Schatten, beeindruckende Farben. Wir laufen barfuß über den warmen Sand. Gemeinsam zieht unsere kleine Karawane zu Jorges Haus, wo wir den Rest der Familie kennenlernen und ein bisschen entspannen. Und von wo aus wir die Schönheit dieses Örtchens gebührend bewundern und genießen können (im Hintergrund liegt Padma vor Anker).

Was für ein Tag!
Kaya schläft entspannt, während wir den Hafen verlassen.

Vor uns liegt Santo Antao,...

...im Kielwasser verschwindet Mindelo.

Da Jorge und Michi alles voll im Griff haben (und Kaya immer noch großartig schlummert), kann ich in Ruhe Photos machen. Zum Beispiel von den Fischern neben uns.

Die Fahrt verläuft ruhig. Das Meer ist glatt wie ein Bettlaken, kein Wind, wir tuckern mit Motor und ungefähr 5-6 Knoten Tempo zwischen den Inseln hindurch. Obwohl das Motorengeräusch ein bisschen lästig ist, ist es doch auch mal ganz schön, so zu fahren. Wie auf der Havel. Ohne die anstrengende Rollbewegung, die sonst bei Wind und Welle entsteht. Wir können sogar im Cockpit den Mittagstisch decken und in Ruhe essen, ohne unsere Teller auf dem Schoß festkrallen zu müssen. Das nenne ich Luxus! Tarrafal sieht schon von Weitem einladend aus. Eine kleine grüne Oase in der sonst kargen und rauhen Landschaft. Wir werfen den Anker nicht allzuweit vom Strand und machen das Dinghy startklar. Auf Jorges Anraten lassen wir den Außenbordmotor weg und nehmen die Paddel - eine gute Entscheidung, wie wir bald begreifen werden. Michi rudert zuerst Jorge samt Gepäck an Land, während Kaya und ich an Bord warten und das Ganze aus sicherer Entfernung beobachten. Eigentlich sieht es ganz idyllisch aus,...


...zumindest bis man auf wenige Meter ans Ufer herangerudert ist. Dann beginnen die Schwierigkeiten. Obwohl kaum Schwell in der Bucht ist, und Padma ganz sanft in leichten Wellen schaukelt, rauscht auf den Strand eine erstaunlich heftige Brandung. Die Wellen bauen sich erst kurz vorm Ufer richtig auf, brechen sich kraftvoll, spülen geräuschvoll über die Steine am Strand und ziehen sich prompt wieder mit massivem Sog zurück. Der Trick ist, abzuwarten, bis eine Lücke in den Wellen ist. Manche sind größer, manche kleiner. Es gilt, eine schwächere Welle abzuwarten, sie richtig zu erwischen, so dass sie das Boot an Land hebt, dann flink rauszuspringen und das Dinghy (am besten mit Hilfe, da schwer und sperrig) so schnell wie möglich ein paar Meter den Strand hochzutragen, bevor es von der nächsten Welle ins Meer zurückgesaugt wird. Das verlangt ein bisschen Übung! Wenn man die falsche Welle nimmt, kann einen die brechende Gischt nicht nur klatschnass machen, sondern im schlimmsten Fall auch das Boot quer werfen, woraufhin es von der nächsten zum Kentern gebracht werden könnte. Und wenn man es nicht schnell genug hochschleppt, hat man den nächsten Brecher im Rücken. Oh weia! Und das mit Kind im Arm! Aber wir wollten ja Abenteuer. Zum Glück stehen am Ufer bereits ein paar Einheimische, die Michi Zeichen geben und ihm beim Tragen helfen, so dass er heil und größtenteils trocken mit Jorge an Land kommt. Nun muss er aber auch wieder zurück, um mich zu holen. An Land kommen ist das eine. Das andere ist, wieder ins Wasser zu kommen. Auch hier ist größte Aufmerksamkeit gefragt. Auch hier könnte es sehr ungemütlich werden, zum falschen Zeitpunkt das Boot abzustoßen und direkt in einen der Brecher zu rauschen. Das glückt diesmal nicht ganz lehrbuchreif: Ich sehe, wie das Schlauchbötchen von allen gemeinsam zu Wasser gelassen wird, wie Michi mutig reinspringt, wie gerade dann eine Welle anrollt und das Boot senkrecht stellt. Für einen Moment ist es aus meinem Blick verschwunden, hinter der Wellenfront, dann taucht es wieder triumphierend auf, mit einem heftig rudernden Michi mittendrin. Geschafft! Schließlich sind diese Dinger ja auch dafür gebaut, über Wellen fahren zu können... Jetzt wir. Kaya steckt in ihrer Rettungsweste und weiß anscheinend nicht so richtig, wie ihr geschieht und was das alles hier soll. Ich setze mich mit ihr auf die Seite, um im richtigen Moment rausspringen und den Strand hochrennen zu können. Wieder stehen Helfer am Strand. Jorge und Freunde. Sie geben Handzeichen, als wir kurz vorm Ufer sind. Warten, warten, warten (Welle auf Welle spült unter uns durch) - jetzt!!! Eifrig winkende Hände signalisieren, jetzt schnell aufs Ufer zu rudern. Michi gibt alles. Wir berühren Sand, eine Frau streckt ihre Arme aus, in die ich dankbar Kaya gebe, wir springen aus dem Boot und rennen das Ufer hoch, Jorge und Michi mit Dinghy im festen Griff. Hinter uns rauscht die nächste Welle heran wie ein Raubtier, das wütend ist, in letzter Sekunde seine Beute verpasst zu haben. Mir zittern die Knie, mein Herz pocht. Aber wir haben es geschafft! Wir sind da! Hallo Tarrafal!
Die junge Frau, die Kaya entgegengenommen hat, wird uns als Jorges Tochter vorgestellt. Sie scheint sehr zufrieden, das Kind tragen zu dürfen, und marschiert fröhlich mit ihr Richtung Dorf. Kinderbetreuung ist hier wirklich sehr entspannt. Wir tapsen hinterher, ich noch ein bisschen benommen und mit Adrenalin bis zum Anschlag vollgepumpt. Wie im Rausch erlebe ich die ersten Eindrücke von Tarrafal: freilaufende Hühner, bunte Fischerboote, schattige Bäume, schwarzer Sand, gemischt mit rundgeschliffenen Steinen, die mit den Wellenbewegungen gegeneinander klackern, herumflitzende Kinder, die mit Plastikflaschen und selbstgebauten Schiffchen spielen und neugierig nach uns gucken, Wäsche im warmen Wind, Frauen, die vor den niedrigen Steinhäuschen sitzen, Männer, die Netze reparieren oder in der Sonne dösen. Licht und Schatten, beeindruckende Farben. Wir laufen barfuß über den warmen Sand. Gemeinsam zieht unsere kleine Karawane zu Jorges Haus, wo wir den Rest der Familie kennenlernen und ein bisschen entspannen. Und von wo aus wir die Schönheit dieses Örtchens gebührend bewundern und genießen können (im Hintergrund liegt Padma vor Anker).

Was für ein Tag!
11.11.2011
Hafentheater
Als auf El Hierro ein Boot hilflos im Hafen herumtrieb, hörte ich zum ersten Mal den Begriff "Hafentheater". Das bedeutet: Einer hat Schwierigkeiten, alle anderen stehen am Steg und gucken. Passiert ja sonst nichts. Klar helfen auch alle, wenn sie können. Meist jedoch kann kaum einer helfen. Die meisten genießen das Spektakel.
Heute waren wir die Akteure.
Der Tag fing schon damit holprig an, dass Anna und Linn aus ihrer Gästekoje krochen, völlig übernächtigt, und sagten, sie hätten kein Auge zugemacht, hätten komische Geräusche gehört (den Windgenerator, vermutlich) und sich eingeengt gefühlt. Ich würde gerne mit ihnen draußen sitzen und in Ruhe gucken, was los ist, aber es ist zu viel zu tun. Jorge, ein Fischer aus Tarrafal, Santo Antao, der gerade in Mindelo war und heute mit uns zurückfahren möchte, steht bereits mit gepackter Tasche am Steg. Und wir müssen noch aufräumen, letzte Einkäufe machen, Kinderwagen und Fahrrad verstauen... Jorge wartet geduldig. Anna und Linn gehen spazieren, um sich zu sammeln. Michi schuftet wie ein Irrer, flitzt durch die Gegend um Brot und Gemüse zu besorgen, ich tröste eine quengelige Kaya, die partout nicht einschlafen möchte.
Als Anna und Linn zurückkommen, haben sie sich entschieden: Sie fahren doch lieber nicht mit. Anna ist in Tränen aufgelöst, es tue ihr alles so leid, wir hätten sie so herzlich aufgenommen und so viel für sie getan und so viel Arbeit gehabt, aber sie habe gar nicht geschlafen und es wäre gerade alles zu viel und vielleicht doch zu eng an Bord und so. Es ist zwar frustierend, dass sie nun doch nicht mitkommen, weil ich mich schon so auf die Gesellschaft und Hilfe gefreut hatte, und weil wir uns so bemüht hatten, Boot und Vorräte für 4 einzurichten, aber ehrlich gesagt ist es mir dann doch lieber, sie merken jetzt, dass sie das Leben an Bord überfordert, als in einer Woche, wenn wir bereits mitten auf dem Atlantik sind.
Jedenfalls bedeutet das nun, dass Michi mit ihnen wieder zur Immigrationsbehörde muss, um sie von der Crew-Liste offiziell zu entfernen, dass sie ihre Koje wieder räumen müssen, ihre Gitarre aus der Halterung nehmen, die Michi gestern Nacht noch an der Salondecke konstruiert hatte, und wir uns wieder völlig neu sortieren müssen. Jorge wartet geduldig weiter.
Es ist schon 14 Uhr, als wir endlich bereit sind, die Leinen loszuwerfen. Jetzt aber zügig. Nach Tarrafal sind es etwa 4 Stunden, um halb 7 wird es dunkel, und wir wollen vor Einbruch der Dunkelheit da sein. Letzte Umarmungen, Anna und Linn stehen am Steg und winken, Kaya schläft (endlich!) friedlich unter Deck, Jorge hilft mit den Leinen am Heck, ich stehe am Bug und werfe die Mooringleine los. Alle winken. Plötzlich ein komisches Geräusch an der Schraube, Ölflecken im Wasser, aufgeregte Rufe vom Steg, Michi hechtet zum Zündschlüssel und macht den Motor aus. Die Schraube hängt in der Mooringleine. Zum Glück ist wenig Wind, der unser jetzt manövrierunfähiges Boot gegen andere Schiffe schieben könnte. Michi wirft den sich am Steg ansammelnden Menschen Leinen zu, mit denen sie uns zurück zum Steg ziehen können. Ein Junge springt ins Wasser und taucht unter unser Schiff, kommt zurück und sagt, das könne er nicht entwirren, zu fest verknotet. Dann taucht Michi. Mehrfach. Mit einer Hilfsleine, die jemand vom Nachbarboot annimmt und unter Zug setzt, lässt sich die Spannung aus dem Mooringtau nehmen. Nach und nach löst sich der Knoten. Uff! Nichts passiert, kein schlimmerer Schaden, aber nach Tarrafal brauchen wir heute nicht mehr zu fahren. Zu spät. Jorge nimmt seine Tasche und geht nach Hause. Er kommt morgen wieder. Ich bringe Kaya in den Kindergarten. Go with the flow. Auch das lernt man hier: Sich schnell neuen Gegebenheiten anzupassen. Dann fahren wir eben morgen.
Und genießen heute noch einmal den Abendhimmel über der Marina von Mindelo.

Wahrscheinlich ist das hier erstmal einer der letzten Blogeinträge. In Tarrafal gibt es nicht mal Funknetz. Wahrscheinlich melden wir uns das nächste Mal von Fernando de Noronja, Brasilien. In etwa 6 Wochen. Bis bald!!
Heute waren wir die Akteure.
Der Tag fing schon damit holprig an, dass Anna und Linn aus ihrer Gästekoje krochen, völlig übernächtigt, und sagten, sie hätten kein Auge zugemacht, hätten komische Geräusche gehört (den Windgenerator, vermutlich) und sich eingeengt gefühlt. Ich würde gerne mit ihnen draußen sitzen und in Ruhe gucken, was los ist, aber es ist zu viel zu tun. Jorge, ein Fischer aus Tarrafal, Santo Antao, der gerade in Mindelo war und heute mit uns zurückfahren möchte, steht bereits mit gepackter Tasche am Steg. Und wir müssen noch aufräumen, letzte Einkäufe machen, Kinderwagen und Fahrrad verstauen... Jorge wartet geduldig. Anna und Linn gehen spazieren, um sich zu sammeln. Michi schuftet wie ein Irrer, flitzt durch die Gegend um Brot und Gemüse zu besorgen, ich tröste eine quengelige Kaya, die partout nicht einschlafen möchte.
Als Anna und Linn zurückkommen, haben sie sich entschieden: Sie fahren doch lieber nicht mit. Anna ist in Tränen aufgelöst, es tue ihr alles so leid, wir hätten sie so herzlich aufgenommen und so viel für sie getan und so viel Arbeit gehabt, aber sie habe gar nicht geschlafen und es wäre gerade alles zu viel und vielleicht doch zu eng an Bord und so. Es ist zwar frustierend, dass sie nun doch nicht mitkommen, weil ich mich schon so auf die Gesellschaft und Hilfe gefreut hatte, und weil wir uns so bemüht hatten, Boot und Vorräte für 4 einzurichten, aber ehrlich gesagt ist es mir dann doch lieber, sie merken jetzt, dass sie das Leben an Bord überfordert, als in einer Woche, wenn wir bereits mitten auf dem Atlantik sind.
Jedenfalls bedeutet das nun, dass Michi mit ihnen wieder zur Immigrationsbehörde muss, um sie von der Crew-Liste offiziell zu entfernen, dass sie ihre Koje wieder räumen müssen, ihre Gitarre aus der Halterung nehmen, die Michi gestern Nacht noch an der Salondecke konstruiert hatte, und wir uns wieder völlig neu sortieren müssen. Jorge wartet geduldig weiter.
Es ist schon 14 Uhr, als wir endlich bereit sind, die Leinen loszuwerfen. Jetzt aber zügig. Nach Tarrafal sind es etwa 4 Stunden, um halb 7 wird es dunkel, und wir wollen vor Einbruch der Dunkelheit da sein. Letzte Umarmungen, Anna und Linn stehen am Steg und winken, Kaya schläft (endlich!) friedlich unter Deck, Jorge hilft mit den Leinen am Heck, ich stehe am Bug und werfe die Mooringleine los. Alle winken. Plötzlich ein komisches Geräusch an der Schraube, Ölflecken im Wasser, aufgeregte Rufe vom Steg, Michi hechtet zum Zündschlüssel und macht den Motor aus. Die Schraube hängt in der Mooringleine. Zum Glück ist wenig Wind, der unser jetzt manövrierunfähiges Boot gegen andere Schiffe schieben könnte. Michi wirft den sich am Steg ansammelnden Menschen Leinen zu, mit denen sie uns zurück zum Steg ziehen können. Ein Junge springt ins Wasser und taucht unter unser Schiff, kommt zurück und sagt, das könne er nicht entwirren, zu fest verknotet. Dann taucht Michi. Mehrfach. Mit einer Hilfsleine, die jemand vom Nachbarboot annimmt und unter Zug setzt, lässt sich die Spannung aus dem Mooringtau nehmen. Nach und nach löst sich der Knoten. Uff! Nichts passiert, kein schlimmerer Schaden, aber nach Tarrafal brauchen wir heute nicht mehr zu fahren. Zu spät. Jorge nimmt seine Tasche und geht nach Hause. Er kommt morgen wieder. Ich bringe Kaya in den Kindergarten. Go with the flow. Auch das lernt man hier: Sich schnell neuen Gegebenheiten anzupassen. Dann fahren wir eben morgen.
Und genießen heute noch einmal den Abendhimmel über der Marina von Mindelo.
Wahrscheinlich ist das hier erstmal einer der letzten Blogeinträge. In Tarrafal gibt es nicht mal Funknetz. Wahrscheinlich melden wir uns das nächste Mal von Fernando de Noronja, Brasilien. In etwa 6 Wochen. Bis bald!!
10.11.2011
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