08.03.2012

AIS

1. Tag



Kürzlich in Deutschland habe ich für Padma noch ein neues Gerät gekauft, eine Erweiterung der Navigations-Elektronik, nämlich einen AIS-Receiver. AIS steht für Automatic Identification System. Für große Schiffe ist die Ausrüstung damit Pflicht. Damit sendet ein Schiff per UKW, ständig und automatisch, digital kodiert, seine Position, Kurs, Geschwindigkeit, Schiffsname, Größe usw. Und alle anderen können die Signale empfangen, und genau sehen wo welches Schiff ist und wo es entlangfährt.

Damit kann man übrigens auch mit allgemeinverfügbaren Daten genau rekonstruieren, wo die Costa Concordia in jener tragischen Nacht entlanggefahren ist, wie sie beim scharfen Kurswechsel seitwärts den Felsen gerammt hat, und wie sie danach Fahrt verlor, zum Stillstand kam und langsam auf die Küste der Insel Giglio getrieben ist, wo sie heute noch liegt. AIS-Daten, von einer Küstenstation aufgezeichnet und im Internet veröffentlicht, machen es möglich (siehe YouTube).

Für mich eröffnet mein neuer AIS-Empfänger eine neue Welt. Auf einmal kann ich richtig mitreden bei den großen Schiffen, habe ich das Gefühl. Die großen sehen mich zwar nicht, weil mein AIS nicht sendet, aber ich weiss auf einmal alles über die. Früher habe ich ein Schiff am Horizont oder einen Fleck auf dem Radar gesehen, und konnte ungefähr abschätzen wie es sich bewegt. Heute bekomme ich auf meinem Chartplotter angezeigt, wie schnell das Schiff in welche Richtung fährt, ob es seinen Kurs ändert, in welchem Abstand es an mir vorbei fährt, und wie lange es dauert, bis es nah bei mir ist.

Das ist besonders hilfreich, wenn man eine Hauptschiffartsroute quert, so wie hier jetzt, wo alle Schiffe, die um Afrika herum wollen, parallel zur Küste fahren. Wenn ein Schiff auf mich zu kommt, konnte ich es früher per Seefunk auf Kanal 16 rufen, z.B. "big ship, northbound", und wurde oft ignoriert. Heute kann ich es mit seinem Schiffsnamen rufen, oder noch besser, ich kann es mit seiner MMSI, einer Art Telefonnummer für Schiffe, direkt anrufen und auf seiner Brücke das Seefunkgerät klingeln lassen. Da segelt man also auf seiner kleinen Plastikschüssel übers Meer, und es kommt ein riesiger Stahlkoloss angefahren. Dann spricht man mit dem Kapitän auf Augenhöhe, und er sagt höflich, dass er seinen Kurs ändert und Vorfahrt gewährt. Schon gut sowas.

Ausserdem gibt mir mein Chartplotter automatisch Alarm, wenn mir ein Schiff in nächster Zeit nahe kommt. Damit kann man doch schon einiges entspannter schlafen, wenn man alleine unterwegs ist.

Das heißt, schlafen könnte man, wenn der Chartplotter nicht auch eine fiese Macke hätte: Wenn alle AIS-sendenden Schiffe weit weg sind, und kein Signal mehr emfangen wird, denkt der Chartplotter, der AIS-Empfänger wäre plötzlich kaputt, und löst einen Alarm aus. In Küstengewässern, wo immer andere Schiffe sind, und wo der Chartplotter vermutlich entwickelt und getestet wurde, mag das kein Problem sein. Aber hier draußen, wo immer mal wieder ein Signal von einem weit entfernten Schiff empfangen wird, das dann wieder verloren geht, kommt dieser Alarm ständig. Und das nervt. In einer 24-Stunden Periode habe ich 28 dieser Fehlalarms gezählt. Tag und Nacht. Und wenn das Ding laut fiept, bleibt einem nichts anderes übrig als aufstehen, nachsehen ob es wieder der Fehlalarm ist, und Alarm wegdrücken.

Sobald ich wieder online bin, werde ich die Hotline des Herstellers Raymarine in England anrufen, mich beschweren, und fragen ob es eine Lösung gibt. Das neuste Softwareupdate habe ich schon, und weitere wird es für mein 6 Jahre altes Gerät vermutlich nicht mehr geben.

07.03.2012

Unterwasserarbeiten

Der letzte Tag vor der großen Fahrt. Und da fällt mir jetzt erst ein, dass ich schon lange nicht unterm Schiff nach dem rechten gesehen habe. Wegen Bewuchs auf dem Rumpf mache ich mir keine Sorgen, denn der hochwertige Antifouling-Anstrich ist erst ein halbes Jahr alt. Aber die Schraube hat bestimmt Bewuchs. Und mit einer Schiffschraube voller Seepocken fährt man nicht gut, erst recht keine langen Strecken. Also beschliesse ich, nochmal schnell tauchen zu gehen. Ich warte, dass der Flutstrom nachlässt und gehe eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang mit Maske und Spachtel bewaffnet ins Wasser. Die Wassertemperatur ist, für mich als Warmduscher, akzeptabel. Die Strömung ist immer noch etwa ein Knoten, aber es gelingt mir mühsam im trüben Wasser vom Heck bis zur Schraube vorzutauchen, und mich dabei am Ruder festzuhalten. Die Schraube ist tatsächlich einigermassen bewachsen, und mit etwa zehn mal Luftanhalten-und-runter gelingt es mir, beide Propellerflügel von allen Seiten glatt zu kratzen.

So weit so gut. Dann stelle ich aber fest, dass die Zink-Opferanoden, die Korrosion an den wertvollen Stahlteilen des Antriebs verhindern sollen, weg sind. Seltsam, denn die letzten Anoden haben etwa zwei Jahre gehalten, und diese waren erst ein halbes Jahr alt. Die Propellerwelle ist auch noch ganz blank an der Stelle, wo die Anode dran war, lange kann sie also noch nicht weg sein. Ob die Anoden nicht verbraucht sind, sondern ihre Befestigungsschrauben weggerostet sind, weil sie nicht aus Edelstahl waren? Das wäre dumm, ist aber nicht mehr zu ändern. Ich finde bei meinen Motorersatzteilen noch den Rest von der alten Wellen-Anode (mit Edelstahlschrauben), und traue mir zu, sie unter Wasser an die Welle zu schrauben. Jetzt tauche ich mit zwei Anodenhälften, zwei Schrauben, zwei Muttern, einem Schraubenschlüssel und einem Sechskantschlüsselsatz in den Händen ins trübe, fliessende Wasser. Die Sonne geht unter und es wird zusehends dunkler unterm Schiff. Es ist sehr anstrengend, aber es gelingt mir in etlichen Tauchgängen unter Wasser alles korrekt zusammenzusetzen und die Schrauben fest anzuziehen. Mit letzter Kraft, aber mit erfolgreich erledigter Arbeit, gehe ich zurück zur Badeleiter. Da stoße ich mit der Hand an, und der Sechskantschlüsselsatz entgleitet mir. Bevor ich hinterherschauen, geschweige denn hinterhertauchen kann, ist er schon im trüben Wasser verschwunden. Na gut, man kann auch ohne Sechskantschlüssel über den Atlantik segeln, denke ich mir. Weitere Opfer der Unterwasseraktion: Eine Schnittwunde in der Haut vom scharfkantigen Bewuchs im rechten Zeigefinger, und eine in der linken Handfläche.

Dann gehe ich an Bord erstmal heiss duschen und mache mir ein lecker Abendessen. Ich versuche mir eine entspannte Nacht zu machen, schlafe aber eher unruhig.

Los geht's

Alles ist bereit. Die ToDo-Liste ist abgearbeitet. Alles ist installiert, repariert, gewartet, getestet, geschmiert, gesäubert. Vorräte an Nahrung, Wasser, Diesel sind komplett. Im Pass habe ich den Ausreisestempel.

Ab Donnerstag ist wieder Wind aus der richtigen Richtung. Donnerstag morgen fahre ich mit der Flut aus dem Fluss heraus aufs Meer. Dann geht es eine Woche lang nach Westen, eine Halse, und dann eine Woche lang nach Süden, bis kurz hinter den Äquator. So komme ich, inshallah, zum brasilianischen Tropenparadies, der Insel Fernando de Noronha.

Wind und Welle werden eher sanft, laut Vorhersagen. Ich habe genug zu lesen dabei. Ich hoffe nur, ich kriege auch genug Schlaf. Mir ist etwas flau im Bauch. Wie vor einer wichtigen Prüfung. Es ist ja auch eine Art Prüfung. Aber ich weiss, dass ich mich gründlich vorbereitet habe, und eigentlich nichts schief gehen kann. Also, dann los.

03.03.2012

Limbo

Am Samstagabend gibt es im Campement eine Trommelparty. Unter dem Dach wo sonst gegessen wird, werden die Tische und Stühle weggeräumt. Entlang einer Wand sitzen ein halbes Dutzend Männer mit Djembes und trommeln heisse Rhythmen. Der Rest tanzt und hat Spass. Das ist keine langweilige Folkloreveranstaltung für Touristengruppen, sondern einfach Party, alle zusammen. Es sind vielleicht drei mal soviele Afrikaner wie Europäer dabei - vor allem die jungen Männer, die im Campement arbeiten, und ein paar Gäste von zwei Nachbardörfern. Die gute Laune wird auch beflügelt vom Palmwein. Auf dem Boden steht eine blaue Plastikschüssel, darin eine weisse Flüssigkeit, und zwei langstielige Holzlöffel. Wer will, schnappt sich jederzeit einen Löffel und trinkt daraus das alkoholische Gesöff, das ungefähr schmeckt wie Federweisser gemischt mit Tapetenkleister. Ich nehme ein paar Schluck und lass es dann gut sein.

Zum Höhepunkt des Abends gibt es einen Limbo-Wettbewerb: Zwei Männer halten ein zum Seil zusammengedrehtes Tuch, die anderen müssen darunter durch hüpfen, ohne es zu berühren, und zwar rückwärtsgebeugt, mit dem Bauch nach oben also. Das kenne ich, habe es aber noch nie richtig probiert. In der Proberunde falle ich auch prompt auf den Po. Aber dann habe ich den Trick irgendwie raus, und schaffe es, weit zurückgebeugt, die Balance zu halten. Ein paar Runden, und ehe ich mich versehe, bin ich im Finale! An dem sehr tief gehaltenen Seil, scheiter ich dann aber doch. Mein Mitfinalist aber auch! Also noch eine Runde. Körper ganz gedehnt, aber sehr vorsichtig rutsche ich ganz knapp unter dem Seil durch und habe es geschafft. Ich bin der Champion! Jetzt weiss ich, wofür jahrelanges Yogatraining gut war. Oder lag es einfach daran, dass die ganze Konkurrenz ihre Körperbeherrschung dem Palmwein geopfert hat? Als ersten Preis bekomme ich ein T-Shirt mit Palmen drauf und Schriftzug "Campement Villageois d'Elinkine". Ein schönes Souvenir.

02.03.2012

Elinkine

Die Reise geht weiter, zurück Richtung Meer. 8 Stunden flussabwärts (davon nur eine Stunde gesegelt, weil sonst kein Wind) bringen mich nach Elinkine, dem Fischerort an einem breiten Seitenarm des Flusses. Ich ankere 30m vor dem schmalen Strand des "Campement", wie die hier üblichen einfachen Touristenanlagen heissen. Touristen gibt es wenige, aber WLAN Internet hat es hier. Damit habe ich wieder alles an Bord, was ich brauche. Die Windvorhersage, die ich mir herunterlade verspricht Flaute und Gegenwind, also bleibe ich noch ein paar Tage, und warte, bis der Passatwind wieder stetig bläst.






Das Wahrzeichen des Orts ist der grosse Fromager-Baum, an einem zentralen Platz, nahe am Ufer. Der dicke, alte Baumstamm hat ein deutlich erkennbares Gesicht, mit Augen und Nase.

26.02.2012

ÖPNV

Das ist ein Omnibus-Kanu.


Das ist ein Fischerei-Kanu.


Und das ist ein VIP-Kanu.

25.02.2012

Didier

Das ist Didier Ndecky. Er bietet seine Dienste für Yachten an. Er hat für mich den Dreck und die Algen vom Rumpf an der Wasserline geschrubbt, die sich in Dakar angesetzt hatten. Das hat er zügig und gut erledigt und hat überhaupt einen vertrauenserweckenden Eindruck gemacht. Freundlich, zuverlässig und preisgünstig.


Als ich also beschloss, nach Deutschland zu fliegen, und Padma in Ziguinchor vor Anker zu lassen, war mir klar, dass es besser ist, einen Wachmann an Bord zu haben. Didier war sofort und gerne bereit, das zu machen. Also habe ich ihm den Schlüssel anvertraut, ihm im Salon das Bett gemacht, und gehofft, dass alles gut geht.

Didier ist 35, und wohnt mit seiner Mutter und dem Rest der Familie auf der anderen Seite der Stadt. Er hat drei Geschwister von seiner Mutter, aber zwölf von seinem Vater, der drei Frauen hatte. Die Familie ist katholisch, die Frauen hatte sein Vater nacheinander, nicht gleichzeitig. Wegen einem Fehler bei der Dateneingabe vor langer Zeit, heisst er "Didien" auf  seinem Personalausweis, Führerschein, Wahlkarte und alle offiziellen Dokumenten.

Wenn er nicht gerade Seglern hilft, dann arbeitet Didier in einer Fabrik, wo die Krabben, die die Fischer aus dem Fluss holen, gewaschen, eingefroren und für den Export verpackt werden. Aber da verdient man sehr wenig. Mehr verdient er, wenn er einer Yacht bei Ebbe das Unterwasserschiff reinigt. Mir hat er ausserdem noch geholfen, Wasser zu tanken (vom Hahn am Hotel-Steg in meine Kanister). Und er half mir, von der Tankstelle in Kanistern Diesel zu holen und mit dem Taxi zum Fluss zu bringen.



Didiers grosser Bruder arbeitet als Wachmann vor einer Bankfiliale, die ganze Nacht. Die Frau des Bruders hat mir die Wäsche gewaschen. Die beiden haben zwei kleine Kinder. Ich habe ihnen eine Tüte mit alten, kleinen Anziehsachen von Kaya geschenkt. Die passen ihrem einjährigen Mädchen perfekt. Und über eine Tüte mit Duplos und anderen Spielsachen von Kaya haben sie sich auch sehr gefreut.

Von den 180 Euro, die Didier von mir für 5 Wochen Wache auf Padma bekommen hat, hat er zuerst einen Sack Reis für die ganze Famile gekauft. Da waren alle froh und satt. Und er hat sich für 60 Euro ein gebrauchtes Fahrrad gekauft. Damit braucht er 20 Minuten von zu Hause zum Fluss.