24.09.2011

Nebelwanderung

Heute wird gewandert. Fuer Kaya haben wir vom Hostel eine besondere Trage ausgeliehen. Weniger, weil sie sehr praktisch waere, eher, weil sie so fotogen ist...


...und weil sie bei Orientierungspausen zum Stuhl umfunktioniert warden kann.


Unser Weg fuehrt 3 schwitzige Stunden mit gefuehlter 90 Grad Steigung bergan. Die letzte Strecke in dichtem Nebel. Aber was fuer eine Belohnung, dann ploetzlich an einer Kraterwand anzugelangen, an der die Nebelwolken haengen bleiben und von wo aus wir einen umwerfenden Blick in den gruenen, in der Sonne leuchtenden Kraterkegel werfen koennen. Unter ein paar schattigen Baeumen brechen wir erschoepft zusammen. Erstmal Pause!


Und ein bisschen Fuesse vertreten fuer diejenigen, die den ganzen Aufstieg verschlafen haben.


Der Rueckweg ist nicht unbedingt leichter als der Hinweg. 90 Grad bergab zu gehen ist viel schrecklicher als bergauf! Ich merke schon nach den ersten Metern: Oh, oh. Das werde ich morgen in den Beinen spueren. Trotzdem ist das Klettern im Nebel eine grandiose, magische Erfahrung.

Santo Antao Anreise

In aller Fruehe geht es los. Unsere Faehre nach Santao Antao legt um 8 Uhr ab.


So richtig wach sind wir noch nicht. Zumindest nicht alle.


Am Faehrterminal holt uns ein Kleinbus ab und bringt uns ins Tal “Ribeira do Paul” zu unserer ersten Unterkunft (gelbes Haus oben). Allerdings muessen wir die letzten Meter laufen. 15 Minuten steil bergauf! Immerhin wird unser Gepaeck getragen. Waehrend die Traeger laessig mit unseren Rucksaecken auf dem Kopf den Weg hochhechten, schnaufen wir erschoepft hinterher. Wenn wir in Zukunft von hier aus irgendwo hin wollen, heisst das erstmal, 15 Minuten steil bergab und auf dem Nachhauseweg wieder steil bergauf. Um diesen Fussweg kommt man nicht herum. Aber so leben die Menschen eben hier. Wie wir noch lernen werden, gibt es kaum Ebenen. Alle Wege sind steil. Und die Einwohner laufen voellig selbstverstaendlich die krassesten Haenge entlang wie Bergziegen. Der Mensch ist anpassungsfaehig.



Angekommen! Jetzt erstmal staerken!


Dann kann man auch mal in Ruhe die Gegend erkunden. Schoen wohnen wir hier.


23.09.2011

Zwei Wochen in Mindelo

8.9. – 22.9.
Die ersten Tage sind voller Aufregung. Afrika! Ich bin in Afrika! Obwohl die erfahrenen Globetrotter immer wieder betonen, das hier sei gar nicht wirklich Afrika, sondern eigentlich noch viel zu europaeisch und so weiter und so weiter, finde ich es afrikanisch genug, um aufgeregt zu sein.

Die Luft vibriert in der Hitze. Frauen in bunten Kleidern laufen mit grossen Koerben auf dem Kopf durch die Gassen und bieten Fruechte, Gemuese, Zigaretten an. Einkaufen wird zu einem ganz neuen Erlebnis.


Und abends versinkt die afrikanische Sonne malerisch hiner den in der Marina und in der Ankerbucht vor sich hinduempelnden Schiffen…



Es gibt einiges zu organisieren in diesen ersten Tagen: Einklarieren, zur Polizei, zum Zoll, zur Immigrationsbehoerde, Vorraete aufstocken, aufraeumen an Bord – und natuerlich neue Freunde finden. Trotz der Begeisterung, die mit der Euphorie des Ankommens und Entdeckens einhergeht, fallen mir die ersten Tage an einem neuen Ort immer auch ein bischen schwer. Ich kenne noch niemanden und ich weiss noch nicht, wo was ist (wo kann man Waesche waschen, wo was zu essen einkaufen, wo mit Kaya spielen, wo spazieren gehen, wo ausruhen, wo gute Musik hoeren…). Und jedes Mal hat das Ankommen fuer mich auch einen Stich von Heimweh nach dem Ort, den wir gerade verlassen haben, den ich mir schon so vertraut gemacht hatte. Ich weiss, dass ich mir auch einen neuen Ort mit der Zeit wieder vertraut machen werde, dass ich Stellen finden werde, die ich lieb gewinnen werde, Menschen treffen werde, die ich schaetze, meine Orientierung gewinnen werde – aber egal wie oft ich das schon erlebt habe, egal wie oft ich mir sage, dass es auch hier wieder so sein wird, die ersten Tage bleiben schwer und es ist immer auch ein bisschen Sorge dabei, dass es vielleicht diesesmal anders sein wird. Dass ich diesen Ort nicht lieb gewinnen werde. Die ersten Tage sind immer auch ziemlich einsam.

Um so schoener ist es, wenn man dann auf Menschen trifft, die die Sorge der ersten Tage ein bisschen zerstreuen. So geht es mir nun mit dem hollaendischen Paerchen, die wir auf dem Steg treffen. Sie sind eigentlich mit den Fahrraedern unterwegs, sind bereits von Holland nach Portugal geradelt, dann mit der Faehre nach Gran Canaria uebergesetzt, haben dort mit viel Glueck ein Boot gefunden, dass sie und Ihre Raeder mit nach Brasilien nimmt, und machen nun nur einen kurzen Zwischenstopp auf Sao Vicente. Morgen oder uebermorgen geht es weiter nach Rio. Und dann radeln sie quer durch Suedamerika. Respekt!


Wir verbringen einen guten Abend miteinander. Ich mag sie und wuerde gerne noch laenger mit ihnen gemeinsam reisen. Aber am uebernaechsten Tag ist der schicke Katamaran mit der brasilianischen Flagge verschwunden. Einfach wieder weg. Auf dem Weg nach Rio. Und ploetzlich ist die gerade noch zertreute Einsamkeit wieder da. Vielleicht sogar noch ein bisschen schlimmer als vorher.

Aber zum Glueck ist ja da auch noch Milan, der deutsche Segler, der auf den Kapverden haengen geblieben ist und nun mit seiner kapverdianischen Frau hier lebt und mit dem wir schon vor unserer Ankunft Kontakt aufgenommen hatten. Wir essen gemeinsam in einem netten Café gegenueber der Marina und er hat jede Menge gute Tipps fuer uns.


Und Verstecken spielen kann man hier auch prima!


Die naechsten, die wir kennen lernen, sind Susi und Tom, die auf einem lustigen Katamaran in der Ankerbucht leben. Wie die meisten Reisebekanntschaften ist auch diese sehr kurz. Sie wollen in ein paar Tagen nach Deutschland fliegen, haben dann alle moeglichen Jobs zu tun und kommen erst im Februar wieder. Aber immerhin verbringen wir einen guten Nachmittag mit ihnen auf ihrem Boot. Da muessen wir allerdings erstmal hinkommen. Das kleine Dinghy, mit dem Tom uns durch die Ankerbucht rudert, wirkt auf den ersten Blick ein bisschen unheimlich…


…aber es macht seine Arbeit gut und bringt uns sicher zu das vor Anker liegende Boot. Hier gibt es Tee,..


…und einen tollen Blick auf die Stadt.


Waehrend die Jungs sich hinter den Computer verkriechen, um Musik und Filme auszutauschen, machen die Frauen die Kinderbetreuung. Ich beobachte immer wieder, dass das Leben auf dem Boot zu einer ungewoehnlich archaischen Rollenverteilung fuehrt. Aber gerade stoert es mich wenig. Ich lunger viel lieber auf dem grossen Katamarannetz rum und sehe zu, wie Susi und Kaya Fische entdecken, als vor einem Bildschirm zu hocken.




Abends sind wir alle bei Milan und seiner Familie zum Essen eingeladen.


Ausser Susi und Tom und uns ist auch Petra da, eine Tschechin, die vorruebergehend bei Milan wohnt, waehrend sie versucht, ihr Leben zu sortieren. Sie ist viel gereist, hat hier und da gelebt, war gerade nach Brasilien gezogen, um dort als Englischlehrerin eine Weile zu arbeiten, da traf sie auf Jens, verliebte sich, segelte mit ihm an der Suedamerikanischen Kueste entlang und dann ueber den Atlantik zu den Kapverden. Hier angekommen, stellte sie die Beziehung in Frage und zog erstmal zu Milans Familie. Das Spannendste am Reisen, viel spannender als fremde Kulturen, Palmen, Straende und so weiter, sind die Lebensgeschichten, denen man begegnet. Wenn ich ein Buch ueber unsere Reise schreiben wuerde, ich glaube, ich wuerde keinen Reisebericht schreiben, ich wuerde eine Sammlung von Portraits zusammenstellen.

Petra kommt in den naechsten Tagen immer mal wieder bei uns vorbei. Wir essen zusammen, reden, sitzen abends barfuss an Deck und geniessen die erfrischend laue Nachtluft, die die flirrende Hitze des Tages abloest. Manchmal nimmt sie mir Kaya ab, wenn ich gerade viel zu tun habe. Besonders an unserem grossen Waschtag ist das eine gute Hilfe! Ich kann in Ruhe Waesche an die Reling klipsen und Kaya kann mit Petra ueber den Steg toben.




Waehrend ich das hier schreibe, faellt mir auf, dass die ersten Tage eigentlich gar nicht so schlecht waren. Wir hatten Gesellschaft, wir hatten Spass, wir hatten viel zu tun. Und wir leben in einem Klima, in dem wir den ganzen Tag in Flipflops rumlaufen koennen. Kaya und ich sind nun endlich auch mit Havaianas versorgt!


Aber die Stimmung der ersten Tage haelt nicht an. Nach und nach bekommen wir alle, Michi zuerst, dann ich, dann Kaya, den “Kapverden-Virus” mit Magenkraempfen und Durchfall. Auch unsere frisch gewonnenen Kontakte broeckeln weg: Milan fliegt nach Deutschland, Susi und Tom auch. Es ist ploetzlich wieder ziemlich einsam. Ich weiss nicht, wohin mit mir und dem Kind in der brutzelnden Hitze. Wo spielen? Wo ausruhen? Es gibt keinen Ort fuer uns, keine Geborgenheit. An Bord ist immer wieder Chaos, wir schuften und schuften, aber das Chaos ist hartnaeckiger. Es ist nicht wie in einer Wohnung, wo man die Tueren eines chaotischen Zimmers zumachen kann und ein anderes gemuetlich aufraeumen koennte. Das geht an Bord nicht. Eigentlich gibt es nur einen wirklichen Raum, den Salon, und da legen wir unsere Taschen ab, spielen mit dem Kind, essen, wickeln, kuscheln, lesen, verstauen unsere Vorraete. Immer wieder klettere ich ueber Waeschetueten, stapel Geschirr von einer Ecke in die andere, stopfe Kinderspielzeug in die Netze. Ausserdem ist hier der einzige Gang, die einzigen Quadratmeter Stehhoehe fuer uns, die einzigen Meter Rennflaeche fuer Kaya. Kollisionen sind unvermeidbar. In diesem Chaos nun steht mein plaerrendes Kind auf dem Sofa und kotzt. Selber mit den Magenkraempfen ringend, wische ich alles sauber, troeste, wimmere aber zugleich selbst mit Kaya um die Wette. Was um alles in der Welt mache ich hier? Die Aerztin, zu der wir schliesslich in unserer Ratlosigkeit gehen, verschreibt ratz-fatz Antibiotika. Egal, ich wuierde jetzt auch Motorenoel schlucken, wenn dafuer dann die Bauchkraempfe aufhoeren wuerden. Zwei oder drei Tage vergehen in einer Art Leidenstrance. Michi kuemmert sich ruehrend um uns, kocht Reissueppchen fuer das Krankenlager und erinnert uns regelmaessig daran, unsere Medizin zu nehmen. Und Petra kuemmert sich auch ruehrend. Sie kommt immer wieder vorbei, geht mit uns spazieren, hoert zu, spielt mit Kaya. Krank und frustiert sein ist nicht mehr ganz so schlimm, wenn es liebevolle Menschen gibt, die mitfuehlen. Und Petra hat Recht: Auf dem Boot zu hocken und zu jammern hilft ja auch keinem. Da gehen wir lieber mal an den Strand zusammen.


Und tatasaechlich erholen wir uns wieder. Unsere Maegen werden gesuender, meine Nerven staehlern sich wieder. Trotzdem finde ich, dass wir mal etwas ganz anderes machen muessen. Morgen nehmen wir die Faehre rueber nach Santo Antao, der Nachbarinsel. Backpacken. Wandern. Ausruhen.

08.09.2011

Kanaren - Kapverden

Die Ueberfahrt aus Sicht des Skippers:

Eigentlich waren es nur drei Tage. Der Abfahrtstag, der Ankunftstag, und die Tage dazwischen. Die mittleren Tage sind in der Erinnerung kaum voneinander zu trennen, denn sie aehneln sich so. Das  Meer hat viele Gesichter, aber es hat uns immer das selbe gezeigt. Der Wind war konstant um die 20Knoten (Windstaerke 5) aus Nordost, mit der dazugehoerigen Welle von etwa 2m Hoehe, also klassischer Passat, perfekt fuer eine Ozeanreise.
Am ersten Tag war der Wind noch schwach (6-8 Knoten), ich habe den Gennaker (das grosse duenne Vorsegel fuer leichte Winde) gesetzt und wir machen gute 5 Knoten Fahrt. Als ich Nina mit der ersten Nachtwache alleine lasse, sage ich ihr, sie soll mich wecken, falls der Wind auf 12 Knoten steigt, dann bergen wir besser den Gennaker. Als sie mich spaeter ruft, mit einem alarmierten Ton in der Stimme, flattert das Segel in der Dunkelheit, nur noch mit dem Fall am Kopf gehalten. Beim Segelbergen wird klar, dass es gerissen ist, und zwar an beiden unteren Ecken komplett ab. Tja, das Segel war wohl nicht so stark, wie ich erwartet hatte. Naja, ich habe es als Schnaeppchen auf Ebay gekauft, und weiss nicht, wie alt es schon ist. Ausserdem habe ich es wohl mit zuviel Spannung im Vorliek gesetzt. Wieder was gelernt.
Aergerlich, aber nicht so schlimm. Eigentlich ist der Gennaker nur Luxus, ein Spielzeug damit bei leichtem Wind nicht so schnell Langeweile aufkommt. Ohne Gennaker kann man auch den Atlantik ueberqueren, man ist nur vielleicht etwas spaeter am anderen Ufer.
Dann setze ich mich zur Nachtwache mit meinem Weltempfaenger und Kopfhoehrern ins Cockpit und suche die Frequenzen von BBC und Deutsche Welle. Kurzwellenempfang funktioniert nachts auf See ganz gut und so kann man auch allein mitten auf dem Ozean noch ein Ohr in die Welt halten.
Ploetzlich tut es neben mir einen Schlag. Ich sehe mich mit meiner Kopflampe um, und sehe ueberrascht neben mir auf dem Deck einen fliegenden Fisch zappeln, etwa 20cm lang. Seine silbrig feuchten Fluegel flattern hilftlos. Er ist wohl im hohen Bogen ueber unsere Reling geflogen und gegen den Stoff an der Seite der Sprayhood geknallt, was wie ein Trommelschlag klang. Aus Mitleid mit dem kleinen Fisch, besorge ich mir aus der Kueche einen Messbecher, schiebe den zappelnden Fisch da rein, und kippe ihn dann ueber Bord, zurueck in sein Element. Dann faellt mir ein, dass ich noch ein Foto haette machen koennen. Aber das wird nicht der letzte fliegende Fisch gewesen sein, denke ich mir. Das stimmt, aber leider finde ich die anderen dann immer nur tagsueber vertrocknet an Deck.
Am zweiten Tag fahre ich eine Halse, um auf den richtigen Kurs zu den Kapverden zu kommen. Sonst gibt es nicht viel zu tun, ausser kochen, essen und schlafen. Das Kochen gelingt mir bei Seegang ganz gut und das frische Gemuese reicht fuer die ganze Fahrt. Das Essen geht auch einigermassen, und es rutscht uns nicht sehr oft ein Teller vom Tisch. Aber schlafen ist schon schwieriger. In der Vorschiffskoje, wo wir sonst schlafen, hoert man das Wasser laut, und die Bewegungen sind stark, so dass man kaum schlafen kann. Also schlafen wir besser im Salon, allerdings ist es da auch laut, weil das Holzbrett auf dem man Liegt bei jeder Welle hin und her knarzt. Ich beschliesse, bei naechster Gelegenheit die Holzteile, aus denen die Inneneinrichtung besteht, fester miteinander zu verschrauben und verkleben, damit alles weniger Spiel hat und nicht so viel knarzt. Also wieder eine neue Baustelle fuer meine Todo-Liste.
Ausserdem kann ich nicht einschlafen, weil irgendetwas in der Naehe des Mastes regelmaessig dumpf Klonk macht. Schliesslich hat meine Spurensuche mit Taschenlampe Erfolg und ich erkenne, dass die Grossbaumstuetze auf ihrem Bolzen immer einen Millimeter hoch und wieder runterrutscht. Da kann ich erstmal nichts machen, und versuche es zu ignorieren. Am naechsten Abend aber, macht es ein paar Mal ziemlich laut Klonk an Deck. Die Baumstuetze ist abgegangen und klonkt aufs Deck. Der Querbolzen liegt lose daneben. Sein Splint ist weg. Ich lasse mir von Nina Werkzeug und Split duch die Luke aufs Deck hoch geben, und kriege alles wieder zusammengebaut. Das Schiff faehrt dabei unbeirrt weiter seinen Kurs. Segel musste ich nicht wegnehmen, der Grossbaum wird noch von genug anderen Sachen gehalten und die Baumstuetze ist nicht so wichtig. Problem geloest. Schlafen.
Ninas Nerven werden von Tag zu Tag gereizter. Am vierten Tag dreht sie durch. Aber das hilft auch nicht. Aussteigen geht nicht. Aber ich denke, es hilft, wenn sie mehr schlaeft. Bisher haben wir nachts alle vier Stunden Wachwechsel gemacht. Aber das Meer ist leer und es gibt eigentlich nichts zu tun. Also uebernehme ich die ganze Nachtwache, mache sicherheitshalber den Radar-Distanz-Alarm an (piept laut wenn irgendetwas naeher als 5 Meilen kommt) und lege mich auch hin. Ruhig schlafen kann ich auch nicht, aber auf die Art sind wir beide ausgeruhter. Am naechsten Tag geht es ihr schon besser.Kaya kommt mit allem gut zurecht. Sie schlaeft gut, muss ja auch keine Nachtwachen machen. Sie redet zwar noch nicht, aber sie kann schon ausdruecken wenn sie etwas will. Einmal zeigt sie auf das Netz, wo ihre Sachen drin sind, und ich merke, dass ich ihr ihre Schuehchen rausholen soll. Dann will sie die Schuhe anziehen und schliesslich den Niedergang hochgehen. Anscheinend moechte Sie rausgehen, spazieren. Ein verstaendlicher Wunsch aber leider gerade nicht zu erfuellen. Sie ist etwas enttaeuscht, aber es ist kein Drama.

Man merkt, dass es von Tag zu Tag ein wenig waermer wird, wie uns unser Kurs taeglich ueber 100 Meilen weiter nach Sueden bringt. Besonders Nachts muss man jedes Mal weniger anziehen um nicht zu froesteln.
Die Nacht und er Tag vor der Ankunft sind nochmal etwas anders. Ich muss mir mit den Segeln Muehe geben, damit der Kurs nicht zu weit vom Ziel abweicht, wir also keinen grossen Umweg fahren muessen, und damit wir schnell genug fahren - alles damit wir am naechsten Abend vor Dunkelheit im Hafen sind. Der Wind tut seinen Teil und bleibt stetig und stark genug, so dass wir gegen 17 Uhr in den Hafen von Mindelo einlaufen - im Hintergrund die imposante Kulisse der vulkanischen Inseln, deren Berge aus der Ferne wie die verlorenen Schuppen eines Drachen anmuten.
Also insgesamt eine erfolgreiche Fahrt.

Ueber den Atlantik Teil 1: Kanaren - Kapverden

Am 1. September geht's endlich los: El Hierro - Sao Vicente, Kapverden!

Wir lassen uns Zeit mit der Abfahrt. Immerhin liegen nun wahrscheinlich 7 Tage offenes Meer vor uns. Da geniesse ich noch jede Minute festen Boden! Laufe noch einmal an der Promenade von La Restinga entlang, kaufe frisches Brot (das wird es nun eine Woche lang nicht mehr geben), plaudere hier und da mit all den netten Menschen (auch andere Menschen wird es nun eine Woche lang nicht geben!) und sammele Kraft fuer die Ueberfahrt.

Gegen 4 Uhr nachmittags schliesslich sind wir bereit. Julien, Hanane und Alejandro helfen mit den Leinen und bleiben winkend am Steg stehen, langsam immer kleiner werdend, waehrend wir durch die Hafenausfahrt dem Unbekannten entgegenwanken. Das Meer begruesst uns freundlich, mit sanften, flachen Wellen. Kaum Wind. Sonne. Endloser Himmel. Das faellt beim Segeln immer wieder auf: der endlose Himmel. Mit Kaya vorm Bauch knote ich Leinen und Fender ab und bleibe an Deck sitzen. Auch La Restinga wird langsam immer kleiner. Vom Wasser aus wirkt der Ort winzig und schaebig. Verloren kuscheln sich die wenigen Gebaeude an die rauhe Vulkanlandschaft, die feindselig ueber ihnen lauert. Das war unser kleines Paradies fuer einen Monat. Komisch. Von hier ist kaum mehr zu glauben, was an diesem gottverlassenen Nest paradiesisch sein koennte. Dass der Blick von weitem so taeuschen kann! Ich spuere den Wind im Gesicht und in den Haaren, die warme Sonne auf der Haut, Kayas sanften Atem an meiner Brust - und bin gluecklich. Eine ganze Weile sitzen wir einfach so. Ich singe alle Seemannsliedchen, die mir einfallen, und Kaya traeumt vor sich hin.


Michi arbeitet indessen eifrig an der Navigation, setzt Kurs und Segel und steuert Padmas Bug Richtung Kapverden. 7 Tage auf See. Here we go!

Die ersten Stunden verlaufen ruhig. Wir segeln bei etwa 8 Knoten Wind mit Gennacker (Leichtwindsegel) ueber ein beinahe spiegelglattes Meer. Abendessen im Cockpit, grandioser Sonnenuntergang.



Kaya schlaeft kurz nach dem Essen problemlos ein und wir wechseln uns ab mit den Nachtwachen. Zuerst bin ich dran. Es fuehlt sich gut an, draussen alleine im Cockpit zu sitzen, immer wieder mal einen Blick ueber den Horizont und auf die Instrumente zu werfen, und ansonsten die Gedanken treiben zu lassen. Alleine in dieser Endlosigkeit. Von El Hierro ist ab und an noch ein Flackern des Leuchtturms zu sehen. Sonst nichts. Nur das Wasser. Endlos tief, endlos weit. Ploetzlich ein Knall. Peng! Dann ein Ratschen, ein Zerren und Flattern - und in 13 Metern Hoehe ueber mir weht wild, gespenstisch in der mondlosen Nacht der Gennacker. "Michi!" Tief geschlafen hat er bestimmt nicht, den prompt erscheint Michis Kopf im Niedergang. "Unser Gennacker, da stimmt was nicht!" Wir schnallen unsere Stirnlampen an und versuchen, das immer wilder flatternde Segel zu baendigen. Michi erkennt als erster, was passiert ist: Segel gerissen! Keine 8 Stunden sind wir nun unterwegs und schon reisst das Segel! Ich will nach Hause. Mir ist ganz flau vor Angst. Aber Michi ist die Ruhe selbst, zeigt mir, was ich wo halten soll und gemeinsam bergen wir die zerfetzten Reste unseres Gennackers. Das war's dann mit dem traumhaften Leichtwindsegeln... Das Gute jedoch an dem Zwischenfall ist: Ich merke, dass tatsaechlich alles moegliche kaputtgehen kann auf so einer Reise, aber dass es deswegen noch nicht lebensbedrohlich ist. Natuerlich ist es schade um das Tuch (und wer weiss, wann und wo uns das jemand naehen kann!), aber verloren sind wir deswegen nicht. Dann setzen wir eben die Genua. Aber mittlerweile hat der Wind zugenommen, jetzt etwa 11 Knoten, und wir machen immer noch 4 bis 5 Knoten Tempo. Reicht doch.

Michi uebernimmt die Wache. Aber an Schlaf ist fuer mich kaum zu denken. Mein Herz pocht, alle denkbaren Albtraumszenarien spielen sich vor meinem inneren Auge ab. In der Vorschiffskoje liege ich mit dem Ohr quasi an den vorbeirauschenden Wellen. Es blubbert und gurgelt und zischt und spritzt und ich weiss: von der gurgelnden Tiefe trennen mich ein paar Millimeter Fiberglas. Ein Joghurtbecher. Jetzt sind wir wirklich der Natur und ihren Gewalten ausgeliefert. Immer wieder springe ich auf und sehe nach Kaya. Die schlaeft selig wie ein Gaensebluemchen. Die kennt Angst noch nicht. Jedenfalls noch nicht diese Angst, die einzig im Kopf existiert. Sie vertraut uns. Und schlaeft. Wenn man das selbst doch auch einfach so koennte! Ich weiss, dass diese Ueberfahrt fuer mich auch eine Uebung im Umgang mit Angst ist. Sieh es als Herausforderung, Nina! Sieh als es Chance zu wachsen! Dies ist eine Entwicklungsreise. Angst ist ein schrecklicher Feind, je mehr du die Kontrolle darueber gewinnst, um so besser. Aber es ist eben auch ein maechtiger Feind. Und wir ringen miteinander. Nicht nur waehrend dieser Nacht. Keiner hat behauptet, Uebungen im Umgang mit Angst waeren einfach.

Die naechsten Tage verschwimmen in meiner Erinnerung. Wachen und schlafen und essen und Kind unterhalten. Bilderbuecher lesen, auf dem Sofa kuscheln, Baelle werfen.


Geschirr spuelen mit Salzwasser. Im Cockpit sitzen.


Vor allem aber: immer und ueberall und bei allem, was man tut, festhalten. Das Schiff ist wie ein bockendes Pony, das staendig versucht, dich kalt zu erwischen und aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ein falscher Schritt ohne Halt und man wird gegen den Tisch geworfen. Ruckartig. Zackig. Das ist nicht das sanfte Schaukeln einer Wiege, an dessen gleichmaessigen Rhythmus man sich gewoehnen, den man sogar lieb gewinnen koennte. Nein. Es ist ein staendiger Kampf um die Balance. Und er zermuerbt die Nerven. Die Wellen nehmen zu, der Wind auch. Die Bewegungen des Bootes werden extremer. Das Schlimmste ist, dass es keine Moeglichkeit gibt, sich eine Ruhepause zu nehmen, sich um sich selbst zu kuemmern. Es ist staendig alles in Bewegung und es ist staendig laut. Das ist das andere. Man koennte meinen, so fern ab von jeder Zivilisation, mitten auf dem Meer, koennte man der Stille begegnen. Falsch. Neben dem Gurgeln der Wellen am Bug gibt es tausend andere Geraeusche, die alle ununterbrochen an den Nerven knabbern, unabstellbar, unveraenderbar. Das Holz knarzt, das Geschirr in den Schraenken klappert und scheppert, Gegenstaende, die nicht sofort wieder verstaut werden, rutschen, schaben, kullern durchs Boot, Tampen knallen, Segel knattern, Umlenkrollen klackern. Foltermethoden funktionieren auch so: der Koerper wird mit Sensationen gequaelt, auf die das gefolterte Individuum keinen Einfluss nehmen kann. In einem freien, selbstbestimmten Leben wuerde ich mich zurueckziehen, wenn ich Ruhe brauche, schlafen, wenn ich muede bin, raus gehen, wenn ich Bewegung brauche. Hier aber bin ich ausgeliefert. Ich brauche Schlaf, kann aber bei dem Geschaukel und Krach nicht schlafen. Ich brauche Bewegung, kann aber nirgendwo hin. Ich brauche Ruhe, kann sie aber nicht bekommen.

Am 4. Tag auf See drehe ich durch.

Am 5. Tag habe ich mich wieder im Griff. Weinen und Klagen hilft ja auch niemandem. Zum Trost goenne ich mir eine warme Dusche. Bloss weil wir ueber den Atlantik segeln, muessen wir ja nicht verwahrlosen!


Jetzt ist auch die Ankunft zum Greifen nahe. Auf dem Chartplotter sind bereits die Kapverden zu sehen, wenn auch noch nicht am staubigen Horizont.


Das Segeln macht wieder Spass. Es ist wieder Abenteuer, lebendig, aufregend. Land in Sicht! Am 7. September geht die Sonne golden ueber einem freundlichen Ozean auf.


Und ich weiss: Keine weitere Nacht mehr auf See. Bei gutem Wind werden wir noch vor Sonnenuntergang unseren Zielhafen Mindelo erreichen. Was fuer ein Gluecksrausch, als tatsaechlich im Laufe des Tages die Silhouetten der Inseln am Horizont auszumachen sind.
Erst noch sehr vage, im Dunst, dann immer deutlicher. Mindelo, wir kommen! Wie zur Begruessung springt direkt neben uns ein ganzer Schwarm fliegender Fische lebensfroh aus den Wellen. Wir kennen sie schon, allerdings habe ich bisher noch keinen lebend gesehen. Michi hatte in der ersten Nacht einen beobachtet, der aufs Deck klatschte, und konnte ihn wieder ueber Bord werfen. Sonst haben wir immer nur am Morgen tote Exemplare vom Deck aufgelesen. Einmal war auch ein ganz winziger dabei. Der Arme!!


Immer deutlicher treten jetzt die gezackten, scharfkantigen Berge von Sao Vicente aus dem Dunst hervor. Unser Kurs ist hervorragend, wir fahren direkt auf die Hafeneinfahrt zu!



Quarantaeneflagge setzen, Segel bergen, Fender raus, Leinen bereit...Und eh wir uns versehen, haben wir auch schon am Steg festgemacht. Land! Land! Land!

Kaya und ich machen unsere ersten wackeligen Schritte auf festem Boden - noch sehr wackelig! Ich bin erschoepft, verschwitzt, uebermuedet, aber stolz wie Oskar. Und 5 cm groesser. Und der Angst hab ich's gezeigt! Yeah!!!!

07.09.2011

Angekommen!!!

Wir sind da. Nach 6 Tagen und 3 Stunden auf offener See haben wir die Leinen in der Marina von Mindelo festgemacht. Vielen Dank an euch alle, die ihr uns mit euren guten Wünschen in Gedanken auf unserer Reise begleitet habt. Was für ein Abenteuer!
Genauerer Bericht folgt. Wir sind erstmal dabei anzukommen, uns zu orientieren, Internetanschluss zu suchen (erfolgreich) usw.
Jetzt nur soviel: uns geht es super.
Nina, Michael, Kaya.