16.03.2012

Blinklicht

9. Tag



Wenn ich nachts schlafe, schalte ich mein Navigationslicht auf dem Masttop auf schnelles Blinken, damit ich von anderen Schiffen nicht zu übersehen bin. Die Blinkschaltung dafür habe ich mir aus einem Fahrradrücklicht und zwei Transistoren zusammengetüftelt. Das entspricht zwar nicht der Seeschiffahrtsstrassenordnung, so wie ein blinkendes Fahrradrücklicht auch nicht der Strassenverkehrsordnung entspricht, aber es erfüllt den selben Zweck, denke ich mir: dass man als kleiner, schwacher Verkehrsteilehmer nachts weniger leicht übersehen und überfahren wird.

Wasserausbruch

9. Tag

Schon wieder Wasser da wo es nicht hingehört! Auf dem Kartentisch ist eine Pfütze und die Kamera ist nass. Schnell alles trockengewischt und Kamera getestet - geht noch. Aber wo kommt das Wasser her? Ein Leck im Deck? Kann nicht sein.

Ein paar Stunden später stehe ich wieder am Kartentisch und bemerke erneut Wasser an der selben Stelle. Da wird mir langsam klar, wo es herkommt. Er läuft in Strömen von meinem nackten Bauch, auf die Tischkante und sammelt sich dann. Ich bin ja auch klatschnass geschwitzt. Seit ich losgefahren bin wird es jeden Tag wärmer und feuchter. Die erste Nacht habe ich mit Jacke im Cockpit gesessen. Die zweite Nacht mit langer Hose. Die dritte Nacht mit kurzer Hose. Irgendwann hatte ich ausser der Unterhose garnichts mehr an, auch Nachts und im Wind nicht.

15.03.2012

Tagesablauf

8. Tag





Seit einer Woche bin ich unterwegs, und inzwischen ganz entspannt dabei. Da ist langsam Routine eingekehrt, und mein Tagesablauf hat sich so etabliert:

Morgens gegen 8 Uhr (meine Borduhren laufen auf UTC Weltzeit = westafrikanische Zeit) geht die Sonne auf. Dann mache ich den Motor an zum Batterien nachladen (leider reichen meine Solarpanele nicht aus, um den gesamten Stromverbrauch zu decken).  Dann schaue ich nach dem rechten, und mache den Motor nach etwa einer Stunde aus.

Alle zwei Tage gönne ich mir den Luxus und dusche mich mit warmem Süßwasser. Dafür habe ich genug Wasser, wenn ich es schnell mache. Zum Frühstück gibt es Müsli mit H-Milch (und mit Banane, als noch welche da waren) oder frischen Pancake mit kapverdischem Zuckerrohrsirup. Dann beschäftige ich mich mit irgendwas: lesen, kleinere Reparaturen, fotografieren und bloggen, was anderes lesen usw.

Ich habe beschlossen, nach alter seemännischer Tradition, jeden Mittag, wenn die Sonne im Zenit steht, meine Position zu bestimmen. Nur mache ich das nicht mit Sextant und Tabellen, sondern auf Knopfdruck mit GPS. Jeden Tag, den ich weiter nach Westen komme, ist Mittag ein paar Minuten später. Heute ist Mittag im 14:06 Uhr, laut GPS. Dann rechne ich mein Etmal aus - das ist die Entfernung, die seit dem letzten Mittag zurückgelegt wurde. Bei dem stetigen, leichten Passatwind (10 Knoten, Windstärke 3), in dem ich segele, sind das immer ungefähr 120 Seemeilen. Das macht also 5 Knoten Durchschnittsgeschwindigkeit.

Nach der Navigation gibt es - ebenfalls alter Brauch in der Seefahrt - Mittagessen. Entweder ich mache mir den Rest vom Vortag warm, oder ich koche mir was neues. Meistens koche ich irgendwie mediterran, also Pasta oder Risotto mit Gemüse oder Bohnen und so. Leider ist mein frisches Gemüse fast alle. (Für die zweite Woche habe ich noch Maniok, Kartoffeln, Kohl, zwei Kürbisse und viele Konserven.) Aber heute koche ich zur Abwechslung mal mitteleuropäisch, oder meine Version davon: Auberginenschnitzel mit Kartoffelklößen und Rotkohl (noch von Lidl auf Teneriffa). Gekocht wird mit frischem Atlantikwasser verdünnt mit Süßwasser. Müll kommt über bord, sofern organisch. Nach dem Essen noch Geschirrspülen, mit Meerwasser.

Wenn ich dann gut satt bin, mache ich erstmal Siesta. Dann, am Nachmittag verschiedenes, so wie am Vormittag. Gegen 20 Uhr geht die Sonne unter. Dann gibt es Abendbrot, je nach Hunger wird gekocht (gestern: Spaghetti aglio olio peperoncini) oder ein paar Scheiben Schwarzbrot mit Butter. Käse habe ich leider schon lange keinen mehr. Noch etwas lesen oder Radio hören (BBC auf Kurzwelle), und gegen 23 Uhr fallen mir meist die Augen zu.

Das Schiff fährt sich dabei die ganze Zeit alleine. Alle paar Tage ändere ich vielleicht etwas an Kurs und Segelstellung. Seit zwei Tagen segele ich jetzt platt vorm Wind, mit aufgefiertem Großsegel und dem Genaker am langen Teleskopbaum ausgestellt. Ich habe versucht davon ein Panorama-Foto zu machen, aber leider halten die Segel nicht still während ich die Teilfotos mache.


Ich bin aber natürlich trotzdem 24 Stunden auf Wache. Ich blicke immer mal wieder eine Runde um den Horizont, wo fast nie etwas zu sehen ist. Und ich mache das Radar an und blicke eine Runde. Da ist innerhalb der Reichweite von 24 Meilen auch meistens nichts zu sehen. Wenn doch was da ist, schaue ich, in welche Richtung es fährt und wie schnell, und ob es in meine Nähe kommt, was auch meistens nicht der Fall ist. Das alles mache ich tagsüber vielleicht einmal die Stunde, und nachts immer wenn ich aufwache. Und aufwachen tue ich immer einige Male: entweder weil mich irgendein Alarm weckt (wobei die AIS-Fehlalarms seltener geworden sind, aus Mangel an auslösenden Schiffen) oder weil ich unruhig werde und mal nach dem Rechten schauen muss. Da ich mir aber keinen Wecker stelle, werde ich nicht so oft zur Unzeit aus dem Schlaf gerissen, und bin morgens ganz gut ausgeruht.

14.03.2012

Gras

7. Tag

Schon seit gestern ist das Meer überall voll mit Büscheln von Seegras. Ob das das berühmte Sargassogras ist, das schon Kolumbus auf seiner ersten Reise mitten auf dem Ozean gesehen hat, und dachte, dann müsse er ja bald an eine Küste kommen?




Dabei dachte ich immer, die Sargassosee, wo die Aale zum laichen hinschwimmen, sei weiter nördlich als da wo ich jetzt bin. Aber das Meer ist groß, und Wind und Strömung bringen das Gras hier her. Dumm ist nur, dass sich das Zeug immer um das Pendelruder der Selbststeueranlage legt. Geht auch leicht wieder ab, aber dazu muss man das Pendelruder aus dem Wasser heben.

13.03.2012

Mail vom Kapitän

Gesendet: Dienstag, 13. März 2012 um 17:54 Uhr
Von: "58 MSC MIRA" <DPJW>
An: N.MERZENICH
Betreff: Segelyacht gesichtet!
Sehr geehrte Frau Kurz,

soeben haben wir auf dem Sued Atlantik in Pos: 10-40.6N / 027-35.7W (1342utc-1442MEZ) der Segelyacht Padma mit Ihrem Mann an Bord gesichtet.
Herr Michael Kurz hat uns gebeten Ihnen mitzuteilen, dass es Ihm gut geht und er sich auf halben Wege in Richtung Brasilien befindet.

Das Wetter ist zu Zeit ganz nett: 26 Grad Lufttemp. , 26 Grad Wassertemp. Wind: NO -4

Mit freundlichem Gruss

Kapitaen Werner Hecht
MSC MIRA
E.R.Schiffahrt GmbH&CIE.KG

MSC MIRA

6. Tag



Andere Schiffe sehe ich hier wenig. Das heisst, sehen tue ich sie meistens überhaupt nur per AIS und Radar. Die Sicht ist eher schlecht. Ob das hier mitten auf dem Atlantik immer noch der Harmattan-Dunst ist, also der feine Sahara-Staub, der in dieser Jahreszeit ganz Westafrika trübe macht, und auch weit aufs Meer hinausreicht? Vorgestern Mittag war der Tanker CALYPSO erst zu sehen, als er nur noch 2.5 Meilen weit weg war. Ich hatte ihn aber schon lange vorher geortet, angefunkt, und mir bestätigen lassen, dass er mich auf dem Radar sieht und seinen Kurs entsprechend ändert.

Heute kam der 300m lange Containerfrachter MSC MIRA auf mich zu. Mit AIS habe ich ihn schon drei Stunden vorher gesehen. Da habe ich erstmal in Ruhe Mittag gegessen, ein Schläfchen gemacht, noch etwas gelesen, und dann eine halbe Stunde bevor er mich überholt, Funkkontakt aufgenommen. Er hat mich auf dem Radar, alles OK. Als er 3.5 Meilen weit ran war, konnte ich ihn endlich auch sehen. Riesenteil, so ziemlich das größte, was hier so rumfährt. Und ich so ziemlich das kleinste.

Als er etwa eine Meile ran ist und mich überholt, schaue ich ihn mir mit dem Fernglas an. Der Kapitän mich anscheinend auch, denn er meldet sich per Funk auf deutsch, er hat meine deutsche Fahne gesehen. "Kleines deutsches Schiff grüßt großes deutsches Schiff", sage ich. Er grüßt auch und erkundigt sich freundlich über meine Fahrt, und ob ich etwas brauche, Wettervorhersage etwa. Er bestätigt mir, dass keine Tiefdruckgebiete da sind, und gibt mir die Lage der intertropischen Konvergenzzone durch, also des Gewittergürtels, durch den ich durch muss. Dann fragt er, ob ich deutsches Bier habe. Er könne mir einen Kasten hinten raus werfen. Oder Wasser. Ich bedanke mich, sage aber, dass ich mit allem gut versorgt bin.

Aber um etwas kann ich ihn doch bitten: Ob er eine Email an Nina schreiben kann, um zu sagen, wo ich bin, und dass es mir gut geht. Das macht er gerne. Dann verabschieden wir uns, und er fährt mit seinen Containern weiter nach Rio de Janeiro.

10.03.2012

Wassereinbruch

3. Tag

Es ist schon ein ziemlich doofes Gefühl, wenn man alleine mitten auf dem Ozean ist, und wenn man dann unerwartet Salzwasser im Schiff hat, und nicht weiss, wo es herkommt.

Es fing damit an, dass ich am Nachmittag neben der Navi-Ecke etwas Wasser auf dem Boden schwappen sehe. Also hole ich aus dem Motorraum die Tupperdose und den Schwamm, die ich zum lenzen benutze. Dabei sehe ich, dass unter dem Motor alles voll Wasser ist. Das ist schnell weggeschöpft, läuft aber sofort, langsam aber stetig, nach. Woher? Von achtern, unterm Diesel-Tank. Also schaue ich im Cockpit in die Backskisten am Heck. Obwohl die voll von allerlei Gerätschaften sind, sehe ich, dass sie auch unten voll Wasser sind!

Der Schock ist etwas abgemildert von der Tatsache, dass ich dort unten, in der Bilge über dem Ruder, schon öfter Wasser stehen hatte. Ich hatte mich auch schon öfter gewundert, wie genau es da reinkommt. Aufgrund dieser Erfahrung jedenfalls, habe ich vor wenigen Monaten dort unten eine Bilgepumpe eingebaut. Damit ist das ungewünschte Wasser schnell über Bord. Ist ein ganz schöner Schwall, der da rauskommt. Nur leider pumpt die Pumpe nicht richtig und stellt dann den Betrieb ein. Zum Glück habe ich ja noch die zentrale Bilgepumpe. Die hat einen langen Schlauch, mit dem ich, wie mit einem Staubsauger, aus jedem Winkel des Schiffs Wasser absaugen kann. Der Schlauch reicht auch bis in die Backskiste ganz nach unten in die Bilge. Allerdings muss ich erstmal die Backskiste leerräumen: Fender, Festmacherleinen, Dieselkanister, Reserveanker im Cockpit zwischenlagern. Und dann reinkriechen, und mit der Stirnlampe sehen, wo wohl das Leck ist. Ich sehe nichts ungewöhnliches, aber das Wasser ist erstmal weg, und es sieht aber nicht so aus, als ob das Schiff gleich untergeht. Dann baue ich noch die Pumpe aus der Bilge aus, öffne sie zum reinigen, und stelle fest, dass sie nicht verstopft ist, sondern so gut wie kaputt. Sie läuft nur noch scheppernd. Ich tue etwas Schmierfett auf die Achse, und hoffe, dass sie damit noch ein Weilchen läuft. Es ist Sonnenuntergang, also lasse ich es erstmal gutsein, und hoffe, dass alles nicht so schlimm ist.

Am nächsten Morgen, als erstes den Blick unter den Motor und in die Backskisten: Wieder alles voll Wasser! Oh weh! Die reparierte Bilgepumpe funktioniert sogar noch, und in ein paar Minuten ist fast das ganze Wasser wieder raus. Aber dann gibt sie doch den Geist auf, diesmal endgültig.

Was tun? Man kann natürlich mit einem lecken Schiff über den Atlantik fahren, und regelmäßig pumpen. Das haben andere auch schon gemacht. Kolumbus zum Beispiel. Aber entspannt ist das nicht. Oder ich kann den nächsten Hafen anlaufen: Praia auf den Kapverden, anderthalb Tage mit Motor gegen den Wind. Und da kann ich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen: "Helft mir, mein Schiff ist leck, ich weiss nicht weiter." Und dann?

Wenn einer das Problem lösen kann, dann doch ich. Niemand kennt mein Schiff besser. Und ich weiss, dass kein Wasser ins Schiff kommt, wenn es ruhig im Hafen liegt. Das Leck tritt nur auf, wenn ich auf See bin. Also werde ich es auch nur finden, wenn ich auf See bin. Also, nicht verzagen, sondern an die Arbeit.

Während das Schiff sich selber segelt, weiter Kurs Richtung Westen, krieche ich mit der Stirnlampe bewaffnet tief in die Backskisten und untersuche alle Ritzen und Winkel auf der Suche nach der Quelle des Wassereinbruchs. Irgendwo muss es doch herkommen. Irgendetwas muss doch zu entdecken sein. Nichts. Doch da entdecke ich auf einmal ein kleines Rinnsal. Ich verfolge es bis zur hintersten, untersten Kante des Rumpfes, und dort sehe ich, wenn ich den Kopf auf den Boden halte, unter einem Brett ein kleines Loch, aus dem bei jeder Welle ein kleiner Schluck Wasser kommt. Ha! Da habe ich es!

Das Loch sieht aus, als gehört es zur Verschraubung des Gummiprofils, das als eine Art Stoßschutz rundum außen auf der Heckkante aufgeschraubt ist. Da hat wohl mal jemand ein Loch durch den Rumpf gebohrt, und es nicht korrekt abgedichtet. Und weil das Loch knapp über der Wasserlinie liegt, ist es nie aufgefallen, denn da kommt eben nur Wasser rein, wenn das Schiff nach backbord krängend gesegelt wird.

Schnell finde ich eine Schraube in der passenden Größe, tue noch etwas Klebstoff drauf und schraube sie von innen in das Loch. Leck dicht. Problem gelöst!

Und wenn ich wieder ruhig im Hafen liege, werde ich mir nochmal die ganz Heckkantengummmiverschraubung anschauen und alles korrekt mit Epoxyspachtel abdichten.


Der Motorraum, wieder trocken.


Die Backskiste, wieder voll.


Die Bilge, wieder trocken. Das rote-weisse Teil rechts-unten ist die kaputte Pumpe.