18.08.2011

Tauchen mit Carlos



Im Reiseführer steht, El Hierro sei eines der schönsten Tauchreviere in ganz Europa. Entsprechend ist hier in La Restinga auch ganz schön was los, tauchtechnisch. Das Ortsbild ist vor allem geprägt von lustigen, forschen Menschen in halb heruntergerollten Neoprenanzügen. Lässig schlackern die Arme des Anzugs um ihre Hüften, manche tragen am Oberkörper professionelle Taucherhemdchen, die Frauen meist schmucke Bikinis, viele Männer demonstrieren ihre tauchgestählten Körper pur. So oder so sehen sie alle extrem lässig aus. Unglaublich, was so ein schnittiger Neoprenanzug aus den Menschen herausholen kann! Sie lungern in den Cafés und vor den Tauchschulen rum, klettern in lustige Motorbötchen, wuchten Sauerstoffflaschen und Taucherflossen durch die Gegend, watscheln am Strand entlang...Sie sind einfach überall. Schlimmer als Kakerlaken!
Dem Herdentrieb kann man sich kaum entgegenstellen.

Also tauchen wir auch.

Da ich das noch nie gemacht habe, bietet die Tauchschule mir einen "baptism dive" an, eine Tauchtaufe. Etwa eine Stunde solle ich mit einem Tauchlehrer gemeinsam im Hafen ausprobieren, ob ich mit Maske und Sauerstoff und Wassertiefe klarkomme. Wenn ich dann weiter machen wolle, könne ich einen richtigen Kurs machen.

Ok. Mach ich. Oder?

Ein bisschen aufgeregt bin ich ja schon. Die Vorstellung, abhängig von so einem Luftzufuhrgerät in unendlicher Tiefe rumzudümpeln scheint mir nicht nur beängstigend, es klingt auch ungemütlich. Warum sollte man sowas tun? Oben ist es doch auch schön. Und hier hängen überall in den Tauchschulen und Cafés riesige Bilder von Fischen und anderem Meeresgetier - die kann ich mir also auch so angucken, muss ich gar nicht selber runter. Oder man kauft sich mal einen schönen Bildband... Ok, ok. Wahrscheinlich ist es doch was anderes, selber zwischen den Fischen herumzuschweben. Auf einen Berg hochzukraxeln und sich von der Aussicht umhauen zu lassen, ist ja auch was anderes, als sich ein Poster anzugucken. Also mache ich einen Termin, bereit, an meine Grenzen zu gehen und zu gucken, was passiert. Morgen, Donnerstag, 9.30 Uhr. Ob mir das passen würde? Ich weiß, dass das hart sein wird für Michi, der dann ja ab 9.30 Uhr die Kinderbetreuung übernehmen muss, aber der kann ja auch mal an seine Grenzen gehen. Passt. Machen wir!

Pünktlich um 9.30 Uhr stehen wir im Büro der Tauchschule. Ich lerne Carlos kennen, der heute mit mir tauchen wird. Da er allerdings nur spanisch spricht, setzt sich ein junger Amerikaner zu uns und übersetzt. Viel gibt es nicht zu erklären. Zwei oder drei Handzeichen werden vereinbart (wie sage ich "alles gut", wie sage ich "so lala" und wie sage ich "scheiße, ich will hier raus, nix gut, alles furchtbar"), mir wird erläutert, wie ich den Druck ausgleiche, wenn wir tiefer gehen, und wie ich Wasser aus der Maske bekomme, sollte sich welches darin ansammeln. Vor allem wird immer wieder betont, es finde alles im Kopf statt, wichtig sei, sich zu entspannen, tief einzuatmen und die Fischchen zu genießen. Alles klar. Dann mal los!

Jetzt darf auch ich mich endlich in einen schnittigen Neoprenanzug quetschen. Ich bekomme eine Weste mit Sauerstoffflasche auf dem Rücken zugeteilt (die ich aber erst später im Wasser anziehen werde, ist ganz schön schwer sowas), Flossen, eine Tauchermaske, Tauchschuhe. Komme mir irre professionell vor. Als hätte ich mein Leben lang nichts anderes gemacht. Nur schade, dass ich mein Equipment nicht durchchecken darf, so wie Carlos es nun mit geübtem Blick tut. Wenn man ein Kurs macht, lernt man auch das.

Wir klettern in den Kleinbus mit dem lustigen Logo der Tauchschule und fahren zum Hafenstrand runter. Hier schleppen meine beiden Mentoren (der Amerikaner ist in voller Montur dabei) alle Ausrüstung ans Ufer, ich darf noch einmal Kaya knuddeln und Michi küssen, aber dann gibt es keine Ausreden mehr. Dann muss ich ins Wasser. "Relax. It's all in the mind," hatte der Amerikaner gesagt. Schon klar. In meinem Kopf aber spuken jetzt alle möglichen Bilder von platzenden Trommelfellen und verlorenen Mundstücken, von explodierenden Sauerstoffflaschen und überraschend auftauchenden Haien im Hafenbecken. Relax. Relax. Atmen.

Wir waten ins Wasser, ich darf Weste und Flossen anlegen und die Maske überziehen. Wir sehen wahrscheinlich sehr sexy aus!


Zum Testen dümpeln wir ein Stück an der Wasseroberfläche entlang. Komisches Gefühl, mit Sauerstoff-Mundstück zu atmen. Ich höre, wie ich Luft einsauge, und sehe die blubbernden Blasen vom Ausatmen um mich rum aufsteigen. Witzig. So kenne ich es nur aus Filmen. Dann geht es tiefer. Immer wieder muss ich den Druck auf den Ohren ausgleichen, indem ich mir die Nase zudrücke und gegen atme. Carlos hält mich an der Hand, zeigt mir originelle Fische und fragt immer wieder mit dem vereinbarten Zeichen, ob alles gut sei bei mir. Grandios! Ich bin begeistert! Wie in Zeitlupe schweben wir schwerelos in dieser völlig fremden, völlig anderen Welt herum. Es ist ein Tanz, miteinander und mit dieser Welt aus schwankenden, wabernden Pflanzen und unterschiedlichsten Unterwassertieren. Einmal geraten wir in einen ganzen Schwarm kleiner Fische, blass mit blauen, spitz auslaufenden, V-förmigen Schwanzflossen. Wahnsinn! Unter Wasser ist alles so friedlich, so still, so sanft. Jedenfalls hier im Hafenbecken - kein Hai weit und breit. Dafür ein Manta. Flach wie eine Flunder. Liegt einfach so am Meeresboden. Er macht ein paar mal flapp flapp, wie ein Crepe, der in Zeitlupe in der Pfanne gewendet wird, und windet sich dann außer Sicht. Toll! Ich bin ganz verliebt in diese Welt, diesen Tanz, diese Zeit- und Schwerelosigkeit. Und irgendwie auch ein bisschen in Carlos, an dessen Hand ich durch dieses Wunder geführt werde. Es ist eine ganz besondere Form der Intimität, so Hand in Hand durchs Wasser zu gleiten. Vielleicht bin ich nicht wirklich in Carlos verliebt, aber in diese Intimität.

Was für ein Erlebnis!

Als wir langsam wieder gen Ufer gleiten, ich mit den Knien auf dem Meeresboden zum Halten komme und den Kopf aus dem Wasser stecke, komme ich mir plötzlich unendlich schwer vor. Die Weste mit der Sauerstoffflasche scheint mich wieder zurück ziehen zu wollen. Ich muss ein bisschen kämpfen, um den Kopf über Wasser halten zu können. Carlos hilft mir, mich von aller Ausrüstung zu befreien, und trägt alles zur Straße, während ich mich am Ufer erholen darf. Mir ist auch tatsächlich ein bisschen schwummerig. Michi und Kaya stehen schon bereit, um mich in Empfang zu nehmen. Triefnass und mit leichtem Schwindel im Hirn drücke ich mein Kind an mich und bin sowas von glücklich, dass ich am liebsten platzen würde. Ich falle Carlos in den Arm. So viel Liebe in mir - davon darf er gerne was abhaben! Hat er großartig gemacht!

17.08.2011

La Restinga Waterfront


Hier mal ein Panoramablick auf Hafen, Strand und rausgekrante Schiffe, fotografiert von der Außenmole aus, auf der man ganz malerisch spazieren gehen kann.

15.08.2011

Spiele im Häuschen

Da es uns so gut gefällt, das entspannte Leben in La Restinga zu genießen, haben wir entschieden, nochmal unser kleines Häuschen zu beziehen. Es war bis gestern (Sonntag) vermietet, ist jetzt aber wieder frei. Zwar ist so ein Umzug immer ein bisschen Stress, selbst, wenn man so wenig Gepäck hat wie wir, aber es lohnt sich.

Hier kann man nämlich auch tolle Spiele spielen...


Wo ist denn die Kaya?

Ah...

...da ist sie ja!

13.08.2011

Spiele im Boot

Das Auto ist zurückgegeben, damit sitzen wir wieder in La Restinga fest. Aber das macht gar nichts. Hier ist es so schön, dass die Tage wie im Flug vergehen. Unser Alltag besteht aus den üblichen täglichen Arbeiten mit Haushalt, Kind und Boot - und vor allem aber auch ganz viel aus lustigen Spielen mit Kaya.


Ein Tag voller Magie

Heute muss das Auto zurück nach Valverde. Wir kommen (fast) pünktlich um 11.30 Uhr an der Autovermietung an, geben es ab und sind wieder auf uns gestellt. Kind hängt fröhlich im Beco-Carrier. Schon als wir das erste Mal in Valverde waren, war uns ein Platz aufgefallen, der aussah, als hätte ihn Escher persönlich hier hingepinselt. Dahin zieht es uns jetzt wieder und wir verbringen eine ganze Weile dort. Kaya klettert jede Treppe rauf und runter und wieder rauf und wieder runter, ich turne um sie herum, um sie im Falle eines Falles (im wahrsten Sinne) auffangen zu können, und Michi schießt ein Photo nach dem anderen. Es ist aber auch piktoresk hier!
Neben diesem magischen Platz liegt das Rathaus - auch hier gibt es noch eine Treppe zu erkunden, die Kaya nicht auslassen möchte...

Lange allerdings können wir hier nicht toben, sonst verpassen wir unseren Bus. Noch schnell ein bisschen Proviant eingekauft, dann klettern wir in den Bus und lassen uns nach San Andrés schuckeln, von wo aus wir nach einem leckeren Mittagsschmaus in einer der kleinen Dorfkneipen zur Wanderung zum "magischen Baum" aufbrechen. Der Weg ist hart, staubig und heiß - aber er lohnt sich! Nicht nur wegen der Aussichten zwischendurch und der grandiosen Blicke auf La Palma in der Ferne,...

...sondern natürlich auch für den Baum selbst. Früher kamen die Menschen hierher, um Wasser zu sammeln, das von den Blättern tropfte. Der Baum galt als magisch, weil er frisches Trinkwasser zu produzieren schien. Heute lässt sich der Prozess, den man als "horizontalen Regen" bezeichnet, leicht erklären. Wolken, Passatwind, Nebel, Verdunstung an den Blätterspitzen und so. Sehr naturwissenschaftlich, sehr nüchtern. Außerdem wurde der ursprüngliche Baum im letzten (oder sogar vorletzten) Jahrhundert von einem Sturm gefällt und vor etwa 40 Jahren durch einen neu angepflanzten ersetzt. Man könnte meinen: Was will man hier? Wo ist die Magie geblieben? Aber sobald man unter dem Baum steht, die frische, nach Wachstum und Lebensenergie duftende Luft schnuppert, sich in seinem Schatten von den Strapazen des Weges erholt, stellt sich diese Frage nicht mehr. Die Magie ist immer noch da. Genau hier. Spürbar. Kraftvoll. Belebend. Während wir noch andächtig auf dem Boden sitzen, kommt ein älteres spanisches Ehepaar dazu. Sie plaudern ein bisschen mit uns, dann gehen sie nacheinander zeremoniell auf den Baum zu, legen ihre Arme um ihn, schließen die Augen und verharren so ein bisschen in stiller Umarmung. Der Baum gäbe einem gute Energie, wenn man ihn knuddelt, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Sie spielen noch ein bisschen mit Kaya, erzählen von ihrem Enkelsohn, der gerade auf dem Parkplatz im Auto schläft, und von ihrer Tochter und dem Schwiegersohn, die dann auch gleich zum Baumknuddeln kommen werden, dann verabschieden sie sich. Im Weggehen teilen sie uns noch mit, dass sie fast 80 ist, er schon drüber. Respekt! Sie wirken jugendlich frisch und voller Leben. Ob das die Baumenergie macht? Inspiriert von den beiden, gehe ich auch mal den Baum knuddeln. Was ich mache, will Kaya natürlich auch. Kann ja nicht schaden. Tree-hugger!
Wir bleiben noch eine Weile dort, lernen noch Tochter und Schwiegersohn kennen, dann müssen wir aber mal aufbrechen, sonst verpassen wir am Ende den letzten Bus zurück nach La Restinga. Zum Glück ist noch ein kleines Tourigrüppchen am Magic-Tree, die uns auf dem Rückweg von der staubigen Straße auflesen und in ihrem Mietwagen bis nach San Andrés zurück mitnehmen. Das tut gut! Von hier trampen wir nach El Pinar, wo wir dann allerdings wieder festhängen. Macht nichts, nehmen wir eben den letzten Bus.
Noch abends in der Koje glaube ich, die stärkende Kraft des Baumes in allen Gliedern zu spüren...

12.08.2011

Am Ende der Welt

An unserem letzten Tag mit dem Auto haben wir uns den "wilden Westen" der Insel vorgenommen. Früher war hier die bekannte Welt zuende. Und so sieht es denn auch aus...

Lionel begleitet uns. Zwar müssen wir warten, bis sein Boot sicher zurück ins Wasser gebracht und fest vertaut worden ist, aber das passt uns auch ganz gut. So können wir zuhause noch Mittagessen machen und mit vollem Magen aufs Ende der Welt zu fahren. Wer weiß, wann es wieder was gibt. Gegen 13 Uhr starten wir und machen unseren ersten Stop auf Lionels Bitte hin im Lavageröll kurz hinter La Restinga. Von der Straße ist kaum zu erkennen, was für eine verrückte Welt sich dort auftut. Aber wenn man nur ein paar Schritte in die Lavawüste hinaeinläuft, findet man sich plötzlich umgeben von bizarren Kunstwerken. Jeder Stein hier ist eine Skulptur für sich - und das in gigantischem Ausmaß bis zum Horizont. Manchmal scheint die Lava wie gerade erst vorbeigeflossen und mitten im Fluß erstarrt, überall türmen sich Kuhfladen ähnliche Lavaplatscher, dazwischen außerirdisch wirkende Pflanzen. Irre!
Der nächste Abstecher führt uns zu dem kleinen Küstenfleckchen Cala de Tacorón. Viel ist hier nicht zu machen, außer über rauhe Felsen ins Meer zu springen. Das Wasser sieht einladend aus, überall tummeln sich Badende und wahrscheinlich kann man hier super tauchen oder schnorcheln. Aber dafür sind wir nicht ausgerüstet und für Kaya ist die schroffe Küste auch nichts. Also gibt es nur einen cortado auf Eiswürfeln (merken! das ist *der* Sommerdrink!) in der lässigen Strandbar und ein bisschen exploren für die kleine Explorer-Kartoffel, die sich prompt mit den überall rumflitzenden Echsen anfreundet.
Dann geht es weiter nach El Pinar, wo sich eine der insgesamt 3 Tankstellen der ganzen Insel befindet. Das Auto hat Durst. Dringend. Als wir in die Einfahrt der Tankstelle fahren, ist es kurz nach 3. An der verschlossenen Tür hängt ein handgeschriebener Zettel: Mittagspause von 3 bis halb 5. Hmpf.

Also müssen wir nach La Frontera zum Tanken. Dort wollten wir eigentlich am Ende unseres Rundwegs um die Westküste ankommen, aber es kann ja auch am Anfang liegen. Die Straße führt durch einen beeindruckenden Pinienwald:
Zum Glück hat hier die Tankstelle geöffnet und wir können unbesorgt das Ende der Welt erkunden. Nächster Stop: Pozo de la Salud, übersetzt "Gesundbrunnen". Wie in Berlin. Nur dass es hier wirklich einen Brunnen gibt, der heilendes Wasser enthalten soll. Und dass der ganze Ort tatsächlich so romantisch ist wie sein Name. Ein guter Ort, um rennen zu üben, denkt Kaya, und stapft unbremsbar los.

Dann weiter zur "Playa de las arenas blancas", einem Strand, der tatsächlich von Weitem weiß aussieht. Zwar sind die weißen Körner, wie wir beim näheren Hinsehen feststellen, kleingeraspelte Muscheln, aber das nimmt dem Ort nicht seine wild-romantische Stimmung - im Gegenteil. Weißer Sand kann ja jeder.
Der nächste Strand, den wir anfahren, ist wegen Steinschlag gesperrt, wirkt aber sowieso beeindruckender von oben.
Dann geht es rauf in die Berge. Haarnadelkurven schlängeln uns abenteuerlich nach oben. Wow! was für ein Blick!!
Vorbei an windzerzausten Bäumen...

...und am Leuchtturm am Ende der Welt...
...geht es über eine staubige Piste bis zu den "sabinosas", den märchenhaft-surrealen Bäumen in El Sabinar. Irgendwo hier muss doch Bilbo wohnen.

Der Weg nach Hause ist lang und kurvig, so dass es schon nach 9 ist, als wir erschlagen wieder in La Restinga ankommen. Da ist nur noch Kraft zum Fallenlassen in der Pizzeria. Dann Fallenlassen im Bett. Das Ende der Welt ist schließlich auch ein bisschen anstrengend.